Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens


Originaltitel:
Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens
Jahr:
1922
Eingetragen:
17.09.2014
Bearbeitet:
18.09.2014
IMDB-Wertung:
7,9/10

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„Einen schönen Hals hat Eure Frau…“
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Die meistzitierte Szene des Vampirgenres
Triefende Doppelmoral zeigt sich, wenn heutzutage entrüstet über den Fall Nosferatus berichtet wird. Aufgrund der Urheberrechtsklage der Witwe Bram Stokers und der darauffolgenden gerichtlichen Anweisung, sämtliche Kopien des Films zu zerstören, sei beinahe ein unersetzliches Kulturgut, ein Meisterwerk des deutschen Expressionismus, für immer verloren gegangen. Als ob es heute, in Zeiten absurder Übersteigerung der Bedeutung des Urheberrechts (oder genauer gesagt: der kommerziellen Verwertungsrechte) anders laufen würde! Von Nosferatu hat auf jeden Fall trotz klarer Rechtslage genug überlebt, um mehrere konsekutive Restaurierungsschritte zu ermöglichen und die „Uraufführung“ jeder „neuer“ Version wird als neuerlicher Triumpf der „Kunst“ gefeiert. Von den gleichen Leuten, die sich für immer weitere Verschärfungen der Gesetze bezüglich des „geistigen Eigentums“ einsetzen (verlogen³).

Was zeichnet Nosferatu nun im Besonderen aus? Tatsächlich handelt es sich um einen aus heutiger Sicht recht modernen Film. Die angewendete Schnitttechnik geht mit ihren Nahaufnahmen, Schnitt-Gegenschnitt-Einstellungen und Schwenks weit über die zu der Zeit immer noch weit verbreiteten statischen Szenenbilder hinaus. Die meisten Darsteller vermeiden allzu große Theatralik (mit einzelnen Ausnahmen, wie beispielsweise dem schrecklichen Knock-Darsteller) und agieren stattdessen relativ realistisch. Selbst die völlige Verfremdung durch sichtbar künstliche Kulissen, wie sie in anderen Filmen des Expressionismus Gang und Gäbe war, findet (mit voller Absicht) nicht statt.

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„Das Todesschiff hatte seinen neuen Kapitän.“
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Nosferatu bezieht sein „schönes, ödes Haus“
Irreale Trickeffekte werden stattdessen sparsam und dadurch desto wirkungsvoller eingesetzt. In Graf Orloks (Max Schreck) verfallener Burg in Transsylvanien öffnen und schließen sich Türen wie von Geisterhand. Der Graf selbst tritt durch solche Hindernisse auch mal einfach direkt hindurch. Dann erscheint er halbtransparent in einem Alptraum. Noch stärker wirken jedoch die (ebenfalls sparsam, dafür aber bedeutungsvoll) eingesetzten Spiele mit seinem Schatten, wenn er beispielsweise symbolisch das Herz eines anderen Charakters greift oder sich langsam eine Treppe in Richtung einer Schlafzimmertür heraufschlängelt.

Überhaupt ist es die Darstellung des Vampirs und seine Szenen, die sich im Gedächtnis festsetzen. Sein Verhalten beim Abendessen mit Hutter (Gustav von Wangenheim), der von dem seltsamen Aussehen seines Gastgebers natürlich befremdet ist, sich aber professionell zurückhält; sein Eindringen in das Zimmer des Gastes; sein starres Gesicht, als Hutter ihn in seinem Sarg überrascht; sein „Aufstehen“ aus dem Sarg an Bord des Schiffes; sein starres Schreiten an Deck; erwähnte Szene auf der Treppe. Seitdem tausendfach imitiert insbesondere seine Art der Fortbewegung: In beinahe quälender Langsamkeit schreitet Nosferatu voran, durch seinen langen dunklen Mantel beinahe gleitend – was ihn, wie man heute aus Erfahrung weiß, nur noch bedrohlicher wirken lässt.

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Mit ihm kommt die Pest nach Wisborg
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Was diese Inszenierung von den meisten moderneren Dracula-Versionen unterscheidet, ist, dass die sexualisierte Interpretation des Stoffes – wenn auch vorhanden, wenn Hutters Frau Ellen (Greta Schröder) beispielsweise tief symbolisch ihr Schlafzimmerfenster aufreist und so den von der anderen Straßenseite starrenden Grafen in ihrem Schlafzimmer über sie herfallen lässt – nur eine untergeordnete Rolle spielt. Vielmehr wird die Invasion der zivilisierten Welt – repräsentiert durch die fiktive Hansestadt Wisborg – als Reflektion des Hereinbrechens der Pest gezeigt. Hilflos steht man Tod und Verderben gegenüber, Verzweiflung macht sich breit. Bis schließlich das reinigende Licht der Sonne die Erlösung bringt (ebenfalls eine Neuerung im Vampirgenre, die sich seitdem nicht nur hält, sondern sogar so sehr etabliert hat, dass sie landläufig für ein integraler Teil der Vampirlegende gehalten wird).

Das von der unrechtmäßig verwendeten Vorlage geänderte Ende ist deshalb insofern interessant, dass es hier nicht die „aufrechten Männer“ sind, die der Bedrohung ein Ende machen und die Ordnung wiederherstellen, sondern das persönliche Opfer einer Frau. Was man jetzt ebenfalls gepflegt diskutieren könnte, doch das sei anderen vorbehalten.

Es sei bei der Feststellung belassen, dass Nosferatu trotz seines Inhalts wohl eines der am wenigsten furchteinflößenden Werke (im Bezug auf Machart, nicht Inhalt) der Stummfilmzeit für unbedarfte Zuschauer ist. Was einfach an erwähnter stilistischer Modernität liegt: Man befindet sich hier bereits sehr nah an modernen Sehgewohnheiten. Nur, dass all das damals eben äußerst revolutionär war. Dass es sich heute zum Standard entwickelt hat, zeigt, dass man den Einfluss Nosferatus gar nicht hoch genug bewerten kann. Und das, ohne dass er dadurch, wie so viele in ihrer Zeit bahnbrechende Filme, zum reinen Museumsstück für Historiker ohne aktuellen Unterhaltungswert wurde!

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