Mr. Holmes


Originaltitel:
Mr. Holmes
Jahr:
2015
Eingetragen:
26.06.2015
Bearbeitet:
27.06.2015
IMDB-Wertung:
6,9/10

Intellekt ohne gesteigerte Empathie macht Angst. Was zu technikgläubigen viktorianischen Zeiten noch als positives Ideal galt, ist von der Zeit in gewisser Weise überholt worden. Eigentlich seltsam, dass Sherlock Holmes trotzdem heutzutage immer noch als positiv belegte Figur gilt. Inbesondere, da ja ehrlich gesagt kaum noch jemand den Sherlock Holmes kennt, wie er ursprünglich geschrieben wurde, und gerade diese überheblich-kalt-mechanisch-analytische Art in neueren Interpretationen bis zur Selbstsatire überzeichnet werden.

Diesem Konfliktfeld emotionaler gegenüber intellektueller Intelligenz nimmt sich Mr. Holmes an. Der 93-jährige Holmes (Ian McKellen) hat an dem, was man eventuell als Weisheit bezeichnen könnte, dazugewonnen. Er zögert, anderen Menschen intellektuell erworbene Schlussfolgerungen direkt an den Kopf zu werden, wenn diese sie verletzen könnten. Zwar ist sein Verstand nicht mehr ganz so messerscharf wie in jüngeren Jahren, aber seiner Umwelt ist er immer noch weit überlegen. Sein Gedächtnis weist sogar Lücken wie Scheunentore auf. Dies betrifft sowohl sein Langzeit- (er versucht, die Ereignisse seines letzten Falles dreißig Jahre zuvor zu rekonstruieren), als auch Kurzzeitgedächtnis (er hat Probleme, sich die Namen seines direkten Umfelds zu merken).

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Diese Ausgangssituation des Holmes als (wie in den Originalgeschichten abschließend von „Watson“ geschrieben) Bienenzüchter in der englischen Provinz, dessen einziger menschlicher Kontakt in seinem Arzt (Roger Allam), seiner Haushälterin (Laura Linney) und deren Sohn (Milo Parker) besteht, nutzt der Film, die Figur auf zweierlei Weise zu reflektieren.

Erstens geht es um das Leiden Holmes' unter dem Verlust seiner Fähigkeiten. Die Diskrepanz zwischen dem, was er noch zu leisten im Stande ist, gegenüber dem, wozu er mal im Stande war, ist ihm schmerzlich bewusst. Seine körperliche Gebrechlichkeit, die ihn von seiner Angestellten abhängig macht, verschlimmert die Situation noch. Seine Versuche, zumindest seinem Geist wieder durch diverse chemische Hilfsmittel auf Trab zu helfen, sind wohl mehr als symbolischer Akt der Verzweiflung zu verstehen.

Das einzige, was ihm ansatzweise hilft, ist die tatsächliche intellektuelle Stimulation durch den jungen Roger. Dieser wird in seinem kindlichen Wissensdurst zum Spiegelbild des jungen Holmes. Was jener erkennt, aber hin- und hergerissen ist zwischen Förderung des Ziehsohns (oder eher -enkels) und dem Versuch, ihm das zu ersparen, was er im Rückblick als die Fehler seines Lebens erkannt hat.

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Illustriert werden soll dies durch die nur kurz zurückliegende Reise Holmes' nach Japan, die ebenfalls anders lief, als er sich es erwartet hatte, sowie die Wahrheit über den Hergang erwähnten letzten Falls. Jener, so die Moral dieser Geschichte, habe ihm seinerzeit sein Versagen, seine Arroganz, sich komplett in der Welt der Logik zu bewegen, nach der sich die Welt der Menschen nun mal doch nicht vollständig erfassen lässt, derart vor Augen geführt, dass er in den Ruhestand getreten sei. Jedoch ohne dies jemals wirklich verarbeitet zu haben – was also „live“ in der Gegenwart dieser Geschichte passieren muss.

Diese Läuterung wird zum Glück nicht allzu kitschig überzeichnet und ebenso wird die große Moralkeule unterlassen. Insofern bewegt sich Mr. Holmes auf einer spannenden menschlichen Ebene, da es das damals zwar revolutionäre, aber zugegeben doch sehr einfache viktorianische Weltbild des Original-Holmes erweitert, also komplexer macht. Dies zu analysieren ist wirklich eine Herausforderung, die zum Charakter passt!

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