Bauernopfer – Spiel der Könige


Originaltitel:
Pawn Sacrifice
Jahr:
2015
Eingetragen:
25.02.2016
IMDB-Wertung:
7/10

2013 nahm Magnus Carlsen den Weltmeistertitel im Schach erwartungsgemäß dem vorigen Titelträger Viswanathan Anand ab, den er ein Jahr später wiederum gegen Anand verteidigte. Wer? Dieses Jahr steht wieder eine Weltmeisterschaft an. Nichts davon gehört? So geht es wohl den meisten Leuten.

Also muss mal wieder die sattsam bekannte Geschichte des nicht mehr ganz frisch verstorbenen Bobby Fischers (Tobey Maguire) herhalten. Wie aus US-Sicht üblich wird dieser als genialer Einzelkämpfer gegen die sowjetische Maschinerie charakterisiert, an der er beinahe verzweifelt und zumindest temporär in einem Kandidatenturnier um den Weltmeistertitel kapituliert.

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Was folgt hätte tatsächlich spannend werden können, hätte man den Mut gehabt, die nur sehr schwach angedeuteten politischen Themen tatsächlich ins Zentrum der Erzählung zu stellen. Fischer wird von einem Anwalt (Michael Stuhlbarg), der sich als „Patriot“ charakterisiert, eventuell jedoch direkt von der US-Regierung auf ihn angesetzt wurde, fürs professionelle Schachgeschäft reaktiviert, um im Kalten Krieg dem Klassenfeind die Stirn zu bieten. Außerdem stößt noch ein verständnisvoller Mentor zur Beruhigung von Bobbys Ticks hinzu (nervigste Nebenfigur aller Zeiten: Peter Sarsgaard). Doch trotzdem gestalten sich Vorbereitung und Durchführung des großen Zusammentreffens mit Weltmeister Boris Spassky (Liev Schreiber) schwierig.

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Plötzlich hat der Randgruppensport prominente Zuschauer

Dass Spassky in Wirklichkeit wohl ein ebenso armes Schwein war, das genauso unter dem Druck seines Regimes stand, ist natürlich für ein amerikanisches Publikum nicht von Interesse. Und überhaupt muss entweder aus politischer Rücksichtnahme oder aufgrund einer dramaturgischen Fehleinschätzung dieser beinahe nur im Titel angedeuteten Konflikt, dass zwei Sportler hier die als Bauern auf dem Spielbrett der großen Politik missbraucht wurden, hinter die explizite Darstellung altbekannter Geschichten über die Paranoia und sonstigen Eigenarten Fischers Persönlichkeit zurück. Das nicht einmal in dem Sinne, dass Fischers geistige Gesundheit von der US-Regierung als „Bauernopfer“ hingenommen wurde (wie gesagt, angedeutet letztlich nur im Titel…), sondern als intrinsisches Persönlichkeitsproblem, das sich halt immer weiter, aber ohne besonderen Grund oder Anlass, verschärft.

Dabei hätte erstere Erzählrichtung nicht nur viel mehr politischen Sprengstoff geboten, sondern wäre sogar auf der für Hollywood so wichtigen persönlichen Ebene spannender gewesen, denn ein grundloser Automatismus („es geschieht einfach“) ist höchstens in seinen extrinsischen Auswirkungen auf voyeuristischer RTL2-Basis interessant. Dass jemand aktiv in den Wahnsinn getrieben wird, oder dies zumindest billigend in Kauf genommen wird, wäre viel tragischer gewesen…

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