Der Schamane und die Schlange


Originaltitel:
El Abrazo de la Serpiente
Jahr:
2015
Eingetragen:
29.04.2016
IMDB-Wertung:
7,9/10

Karamakate (Nilbio Torres) lebt Anfang des 20. Jahrhunderts als letzter Überlebender seines Stammes (so glaubt er zumindest) allein im Regenwald. Ein deutscher Naturforscher (Jan Bijvoet), selbst todkrank, bittet ihn um Hilfe bei der Suche nach der Heilpflanze Yakruna. Die gemeinsame Reise verläuft wellenhaft zwischen Misstrauen und Annäherung, bis man schließlich doch noch auf ein Dorf von Karamakates Leuten trifft – was jedoch die Sache nur zu einem bitteren Ende bringt. Vierzig Jahre später wird Karamakate (Antonio Bolivar) wieder von einem weißen Forscher (Brionne Davis) aufgesucht. Auch er ist auf der Suche nach der Yakruna. Die zweite Reise ruft im mittlerweile völlig desillusionierten Schamanen einige verdrängte Erinnerungen wach…

Die Reise als Motiv innerer Fortentwicklung: Während den Zuschauern beeindruckende Bilder vordergründig unberührter Natur bei der Stange halten, wird ihnen ein handfestes gesellschaftliches, aber auch persönliches Drama quasi nebenbei untergejubelt. Denn hinter den Kulissen ist diese Welt bereits völlig korrumpiert vom Einfluss der sogenannten Zivilisation. Auf den Geheiß gewissenlose Kautschukbarone lassen misshandelte Indios die Bäume im wahrsten Sinne des Wortes ausbluten. Deren Kinder wiederum werden ihrer eigenen kulturellen Identität beraubt und in ein europäisches Muster gezwungen.

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Traurig genug, doch die richtige Oberklasse erreicht der Film erst auf der persönlichen Ebene. Denn mag der Untergang der Indiokultur natürlich durch die Invasion der Europäer ausgelöst worden sein, so hat auch der stolze Karamakate repräsentativ seinen Anteil an der Schuld, dass so viel von diesen Bräuche, Riten und nicht zuletzt dem Wissen über die Pflanzenwelt endgültig verloren ist. Seine Unfähigkeit zu Kompromissen, seine eigenen Voruteile gegenüber „Weißen“ sowie letztlich seine unkontrollierbare Enttäuschung über die Schwäche seines eigenen Volkes verhindern, dass er erkennt, wer es gut meint, wem er vertrauen kann. Erst vierzig Jahre später kann er seine Reise somit überhaupt zu einem Abschluss bringen – wenn auch einem tragischen, da es nun tatsächlich zu spät selbst für eine reine Dokumentation ist.

Der Aufbau der parallelen Erzählungen in zwei Zeitebenen gewährt vorausschauenden Einblick in genau diese Tragik. Alle Versuche der Reisenden, mit den besten Absichten den versprengten Ureinwohnern zu helfen, machen die Sache jeweils noch schlimmer. Dem verstümmelten Kautschukarbeiter stehen weitere Folterungen bevor; die von dem brutalen Mönch erlösten Kinder wachsen nun auf sich allein gestellt auf und bilden später eine isolierte Gesellschaft, die man bestenfalls als Zerrbild verschiedener Kulturen bezeichnen kann. Die Probleme, so wohl die Aussage, sind größerer, grundlegenderer Natur – und die Entwicklung unaufhaltsam.

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Besonders hervorzuheben ist stilistisch jedoch der Einsatz von Sprache. Wild durcheinander wird in verschiedenen Sprachen Konversation gehalten. Was zuerst chaotisch und distanzierend wirkt (wer liest schon gerne Untertitel?) entpuppt sich immer mehr als bewusst und zielgerichtet eingesetzt. Denn Sprache hat nicht nur, so erkennen wir, einen kommunikativen Charakter, sondern kann auch explizit ausgrenzen (wenn einer der Beteiligten sie nicht versteht) oder einen Gemütszustand verdeutlichen (beispielsweise als der Deutsche sich weigert, etwas anderes zu sprechen als Spanisch – frustriert wirft er seine eigenen Versuche, die Indiokultur zu verinnerlichen, also ab).

Diese intelligente Inszenierung wird durch die absolut glaubwürdig agierenden Darsteller hervorragend getragen. Der große Star des Films bleiben aber trotz Allem die kräftigen Schwarz-Weiß-Bilder des Urwalds, immerhin in dem Zustand, in dem er noch oberflächlich als Filmkulisse einer vergangenen Zeit durchgehen kann. Mal sehen, wie lange noch. Am traurigsten ist jedoch die Erkenntnis, wie durchschlagend wirkungsvoll „unser“ europäisches Wirken in der Region war: Außer den hier fiktiv aufbereiteten zwei historischen Reiseberichten existieren tatsächlich kaum mehr Zeugnisse dieser untergegangenen Welt. Sie ist tatsächlich unwiderbringlich verloren.

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