Malpertuis

Poster
Originaltitel:
Malpertuis: Histoire d'une maison maudite
Jahr:
1972
Eingetragen:
26.06.2017
IMDB-Wertung:
6,9/10
TMDB-Wertung:
6,5/10


Hannes schreibt:

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Seemann Jan (Mathieu Carrière) kehrt ins heimische Belgien zurück. Nach seltsam anmutenden Kontakten mit seltsamen Leuten findet er sich im Anschluss an eine Kneipenschlägerei in Malpertuis, dem verwinkelten Herrenhaus seines verhassten Onkels Cassavius (Orson Welles) wieder. Dieser hat nach dem Tod ihrer Eltern seine von ihm vergötterte Schwester Nancy (Susan Hampshire) aufgenommen. Er liegt nun im Sterben und sieht in Jan anscheinend seinen designierten Nachfolger. Nancy zu Liebe bleibt Jan vorerst.

In der Testamentsverlesung folgt der große Paukenschlag: Das unglaubliche Vermögen Cassavius' wird unter allen Verwandten aufgeteilt, unter der Bedingung, dass diese für immer in Malpertuis bleiben. Die kuriosen Gestalten hocken also nun tagaus-tagein in dem düsteren Haus aufeinander, gehen sich gegenseitig auf die Nerven und spinnen Intrigen, wie man sich gegenseitig loswerden könne, um den eigenen Erbanteil sogar noch zu erhöhen. Doch ist das Geld wirklich der einzige Grund für ihr Bleiben? Und wer sind diese Leute überhaupt wirklich?

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Regisseur Harry Kümel entwirft seinen Film als bildgewordenen Alptraum. Seine Welt ist aus der Zeit gefallen – wann dies überhaupt spielen soll, lässt sich weder durch die wohl intentional als solche erkennbaren Kostüme oder Kulissen der Stadt nicht einordnen. In Malpertuis selbst ist man dann endgültig verloren; das Haus, seine Einrichtung oder seine Bewohner bieten keine klaren Anhaltspunkte, wo man hier wohl gelandet sein könnte.

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Der große Star des Films ist dabei genau jenes Haus selbst. Die düsteren, verstaubten, unendlichen und unendlich verwinkelten Gänge, die andererseits in engen Treppenläufen münden, ergeben niemals einen erkennbaren architektonischen Sinn. Das dazugehörige Anwesen erscheint ebenfalls riesenhaft und beherbergt weitere Ortschaften (oder Landschaften?), die jedoch nicht gegeneinander verortbar sind. Niemals wird, trotz einem späteren Ausflug zurück in die Stadt, eine Fahrt von A nach B gezeigt. Alles scheint in sich zusammenzufallen; die Mauern sind brüchig. Seltsame Gestalten hausen in ihren eigenen Winkeln des Gebäudes. Tiere und eventuell sogar (von Cassavius geschaffene?) mutierte Monster haben ganze Bereiche für sich erobert.

Die Stilmittel des Surrealismus sind dabei sehr gezielt eingesetzt. Wenn etwas vordergründig Seltsames geschieht (und das tut es mit steigender Frequenz), dann hat das einen klaren, unverrückbaren Grund. Wobei sich die Klarheit teilweise natürlich erst im Rückblick einstellt, so wie es in guten Filmen dieser Art sein sollte. Die genreübliche Gefahr der inhaltsleeren Prätentiösität wird erfolgreich vermieden.

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Schauspielerisch passt ebenfalls alles. Welles sitzt seine Rolle, wie er es zu jener Zeit gerne machte, komplett mit mürrischer Miene im Bett ab. Carrières hölzernes Spiel, ob nun Absicht oder nicht, passt ebenfalls, denn so kann er bis zum Ende als Identifikationsanker im scheinbaren Chaos fungieren. Wirklich getragen wird der Film in schauspielerischer Hinsicht jedoch von Susan Hampshire, die in verschiedenen Kostümen und Makeups gleich fünf verschiedene Rollen, davon gleich drei tragend, übernimmt. Dies ist für die Geschichte natürlich von Belang und dass es nicht völlig nach hinten losgeht, man sie teilweise sogar nicht sofort als identische Person erkennt, kann man ihr nicht hoch genug anrechnen!

Am Ende bleiben vom Film nicht nur erwähnte alptraumhafte Bilder, sondern auch einige offene philosophische Fragen zum menschlichen Leben wie auch der gesamtgesellschaftlichen Gedankenwelt und den mystischen, wertbildenden Konstrukten, an denen wir unser Leben ausrichten. Hervorragend!

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