Anon


Originaltitel:
Anon
Jahr:
2018
Eingetragen:
30.04.2019
IMDB-Wertung:
6,1/10

Die Polizeiarbeit der Zukunft gestaltet sich deutlich anders. Da jedem Menschen ein permanenter Datenrekorder eingepflanzt ist, können sämtliche Handlungen und Eindrücke aller potentiell an einem Verbrechen Beteiligter minutiös nachvollzogen werden. Zu lügen ist sinnlos. Polizist Sal Frieland (Sal Frieland) verbringt seine Arbeitszeit also mit dem Anschauen solcher Aufnahmen. Dies ändert sich schlagartig, als die Aufnahmen zweier Mordopfer nicht etwa das Erwartete, sondern vielmehr die Taten aus der Perspektive des Mörders zeigen. Jener muss sich also in die Köpfe seiner Opfer gehackt und ihre Wahrnehmung somit übernommen haben. Auch zeigen sonstige Überwachungsdaten abgesehen von den Opfern keine weiteren Personen in der Umgebung.

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Nun steht also unerwartet wieder klassische Ermittlungsarbeit an. Sal geht undercover, gibt sich als harmloser Börsenmakler aus, der einen One-Night-Stand mit einer Prostituierten aus seiner Erinnerungshistorie entfernen lassen möchte. Auf dem virtuellen Schwarzmarkt bieten sich schon bald Hacker an, die vorgeben, solche Manipulationen durchführen zu können. Gut, dass Sal bereits eine grobe Beschreibung der Verdächtigen (Amanda Seyfried) hat und somit viele von ihnen aussieben kann. Endlich kommt es zu einem Treffen mit ihr. Eine gegenseitige Faszination verspüren beide. Doch wie wird sie reagieren, wenn die Verdächtige zu intensiv in Sals echten Erinnerungen zurückgeht und seine wahre Identität enttarnt?

Zum Glück spielt die rein technokratische Betrachtung, wie dieses Überwachungssystem überhaupt funktioniert, wie per Gedanken alle Menschen vernetzt zu sein scheinen, in der Handlung keine Rolle. Stattdessen wird angerissen, was es mit den Menschen macht, was es bedeutet. Aber eben leider nur angerissen. Da wird Bedeutung von Erinnerungen verhandelt (Sals toter Sohn) und auch die Wichtigkeit des Vergessens oder zumindest des Verblassens von Erinnerungen. Um die Bedeutung des Moments an sich, wenn er immer wieder abrufbar bleibt. Zuguterletzt klingt die Frage an, wie romantische Partnerschaften überhaupt noch funktionieren können in einer Welt vollständiger, objektiver Informationen – was anscheinend primär zu mehr Einsamkeit führt, denn das vielzitierte Kribbeln setzt auch gerade die Spannung des Unbekannten, Fremden voraus.

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Einen Film, der das meiste davon im Rahmen einer Krimihandlung verhandelt, gibt es. Er heißt Sea of Love und stammt aus einer Zeit, als das Internet noch wenigen Militärs und Wissenschaftlern vorbehalten war. Als Kommunikationstechnologie noch mit dem Telefon gleichgesetzt wurde. Und der trotzdem diese zutiefst menschlichen Themen des vereinsamten Menschen in der anonymen Großstadt viel treffender und eindrucksvoller darstellt, als es Anon jemals gelingt.

Blieben ein paar Szenen, in denen aktiv mit der Wahrnehmung des Protagonisten gespielt wird. Er Dinge sieht, die nicht da sind, und andersherum. Inszenatorisch gut gelungen, spannungsfördernd, aber bedeutungslos. Und der Aspekt der Überwachungsgesellschaft, des Aufhebens sämtlicher Privatsphäre? Ein heutzutage höchst relevantes Thema, an dem die Autoren jedoch anscheinend kein gesteigertes Interesse zu haben scheinen. Denn letztlich spielt diese mögliche Zielrichtung thematisch keine Rolle. Trotz des treffenden, wenn auch plakativen Abschlusssatzes: "I have nothing to hide. I have nothing I want you to see."

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