Ehe der Morgen graut


Originaltitel:
Straight on Till Morning
Jahr:
1972
Eingetragen:
06.10.2010
Bearbeitet:
04.01.2013
IMDB-Wertung:
6,2/10

Warnung: Das könnte länger werden. Deshalb die Kurzversion vorweg: Sehr ungewöhnlicher Thriller, selbst für Hammer mit sehr viel Lebensstil und -gefühl der späten 60er/frühen 70er Jahre. Im Prinzip haldelt es sich um eine Liebesgeschichte zwischen einem gutaussehenden psychopathischen Mörder (Shane Briant) und einer einsamen „grauen Maus“ (Rita Tushingham), die man selbst auch nicht gerade als psychisch stabil bezeichnen kann. Wenn man sich darauf einlässt, muss man dem Film Zeit geben, denn der erstmal wirr wirkende Anfang erklärt sich erst später. Selbst dann ist die Gefahr, sehr enttäuscht zu werden, groß – aber der Film hat eben auch das Potential, durch seine ungewöhnliche Machart sehr gut anzukommen. Wie es nun mal bei experimentellen Filmen ist.

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Man kann den Film praktisch nicht „mittellang“ abhandeln, da er so voller Symbolik und komplexer Themen steckt, die man entweder komplett oder gar nicht erläutern muss.

Alles beginnt mit Brenda (Tushingham), vielleicht so Ende Zwanzig, die mit ihrer Mutter (Claire Kelly) in Liverpool lebt. Brenda möchte mehr als alles andere ein Kind und macht sich deshalb trotz der Proteste nach London auf, um dort ein neues Leben zu beginnen – und eben einen Vater für ihr noch nicht existentes Kind zu finden. Auf der Straße stößt sie mit Peter (Briant) zusammen. Von nun an werden Szenen aus Brendas und Peters Leben hin- und hergeschnitten. Peter sieht man meist zusammen mit Frauen etwas außerhalb seiner Altersklasse (d.h. älter), mit denen er Affären zu haben scheint, die jedoch nicht unbedingt positiv/glücklich wirken. Nochmal die Erinnerung: Das wird alles erst später Sinn ergeben.

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Leichter zu verfolgen ist Brendas Schicksal: Ihre Taktik ist, einfach Männer auf der Straße anzusprechen, um sie kennenzulernen. Das ist nicht direkt erfolgreich. Sie sucht sich eine Arbeitsstelle in einer Modeboutique und zieht bei ihrer Kollegin Caroline (Katya Wyeth) ein. Diese mag sie zwar nicht, ist viel „cooler“, braucht aber das Geld, um die Miete zahlen zu können. So kommt Brenda in den Genuss einer „Szene-Party“, bei der sie sich an den anderen Kollegen der beiden, Joey (James Bolam), heranschmeißt. Das heißt, für ihre Verhältnisse – sie redet etwas länger mit ihm. Er endet jedoch in Carolines Bett, die optisch „spektakulärer“ aussieht.

Enttäuscht und schockiert flüchtet Brenda mitten in der Nacht aus der Wohnung. Ein Hund läuft ihr über den Weg, die Rufe seines Besitzers sind bereits hörbar. Überraschung: Es ist der junge Mann (Peter), den sie bereits einmal bei ihrer Ankunft in London gesehen hat. Spontan schmiedet Brenda einen Plan: Sie „entführt“ den Hund, an dessen Halsband die Adresse seines „Herrchens“ zu finden ist, um einen Vorwand zu haben, ihn zu besuchen.

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Sie badet den Hund, macht ihn „schön“, um einen guten Eindruck zu hinterlassen und trifft tatsächlich diesen scheinbaren Traummann zu Hause an. Er entlockt ihr schnell den wahren Grund ihres Besuchs, unter Tränen gesteht sie ihren gesamten Plan, an ein Kind zu kommen. Dann wird es erst richtig seltsam: Er wimmelt sie nicht etwa ab, sondern schlägt ihr vor, bei ihm einzuziehen, sich um seinen Haushalt zu kümmern (denn das, sagt er, sei Frauenarbeit) und dann könne man ja weitersehen. Nun geht es nicht anders, als den Rest einfach zu verraten, denn jegliche Interpretation wäre ansonsten unmöglich – letzte Chance, mit dem Lesen aufzuhören.

Mit Peter ist es folgendermaßen: Er selbst wird als so gutaussehend wahrgenommen, dass er sich dem Andrang der Frauen kaum erwehren konnte. Jedoch wurde ihm schnell klar, dass sie eben nur an seinem Aussehen interessiert waren und sonst nichts. So hat er angefangen, Schönheit zu verachten und insbesondere seine eigene zu hassen. Zweitens hat er eine panische Angst davor, verlassen zu werden. In Brenda sieht er nun eine Chance, echte Liebe zu finden, da sie nicht gut aussieht und ihn erstmal nicht primär seines Aussehens wegen haben möchte.

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Das wird den Zuschauern dadurch nachvollziehbar gemacht, dass Brenda nicht nur optisch dem Typ „normal gutaussehend“ entspricht, sondern auch entsprechend als „graues Mäuschen“ aufgemacht wird. In der Szene, in der sie sich dagegen für Peter mit dicker Schminke, lockiger Perücke usw. „schöner“ machen möchte (sie weiß nichts von seinen Psychosen), da er sie bislang nicht angerührt hat, ähnelt sie nachher wirklich eher Frankensteins Monster. Die Perspektive des Films ist diesbezüglich also Peters ästhetischem Empfinden nachempfunden. Was im Gegenzug Peter angeht, so entspricht er sehr genau einem typischen 70er-Jahre-androgynen Schönheitsideal, das passt also.

Etwas problematisch ist dagegen eventuell die Darstellung Peters' Vergangenheit:

In den Rückblenden aus seinem Leben (das waren nämlich die seltsamen, unverständlichen Szenen zuvor) sieht man immer wieder, wie Frauen ihn anbetteln, sie niemals zu verlassen. Man sieht nichts davon, dass er jemals verlassen wurde. Vielleicht war es mit den Frauen seines Alters so, doch von diesen sieht man nur sekundenschnelle Schnitte ohne Ton. Was man stattdessen zu sehen bekommt, sind die „älteren Damen“, mit denen er sich offensichtlich des Geldes wegen eingelassen hat. Bei diesen bestand die „Verlassensgefahr“ keineswegs.

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Bei Brenda äußert sich das so, dass Peter ihr irgendwann verbieten möchte, überhaupt noch aus dem Haus zu gehen, weil er einfach Angst hat, sie würde nicht mehr zurückkommen. Auf Brendas Versuch, „schöner“ zu werden, reagiert er geradezu brutal, besteht auf sofortiger Revidierung. Als das dann geschehen ist, findet er sie dann auch so attraktiv, dass er mit ihr schläft – was auch anscheinend zur Schwangerschaft führt.

Eine weitere Ebene ist überhaupt noch nicht zur Sprache gekommen. Brenda verliert sich immer wieder in ihren Märchenfantasien von Prinzen und Prinzessinnen, wäre selbst nur zu gerne eine solche. Sie stellt sich Peter gegenüber sogar mit dem von ihr ausgedachten Namen für die Prinzessin in ihrer Geschichte vor. Peter ist da nicht viel besser: Er zitiert allzu häufig Peter Pan, heißt selbst so (wobei angedeutet wird, er könne tatsächlich Clive heißen, ob nun mit Vor- oder Nachnamen bleibt offen) und besteht darauf, Brenda Wendy zu nennen. Was diese akzeptiert. Seine Fantasiewelt ist also erstmal die dominante. Wobei diese Fantasien durchaus erstmal kompatibel sind: Beide laufen darauf hinaus, die Kindheit aufrecht zu erhalten, niemals erwachsen zu werden.

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Ein besondere Rolle spielt dann noch ein Tonbandgerät (also wirklich ein Tonband, Kassettenrekorder waren damals noch weit weg), auf dem Peter Brenda die von ihr erdachten Märchen aufsprechen lässt. Er selbst benutzt es, um seine Morde akustisch aufzunehmen. Irgendwann, als er merkt, dass er eigentlich glücklich mit Brenda/Wendy ist, kann er nicht mehr anders: Er will keine Geheimnisse mehr vor ihr haben und spielt ihr die Tonbänder vor. Erst, wie er seinen Hund umgebracht hat (denn sie hatte ihn ja, unwissend wie sie war, „schön“ gemacht) und dann, wie Caroline, die auf der Suche nach Brenda vorbeigekommen war, und Peter nicht widerstehen konnte, dran glauben musste.

Was danach passiert, bleibt offen. Ein „Happy End“, in dem Sinne, dass Brenda Peters Antrag, für immer zusammenzubleiben, annimmt, scheint es nicht zu sein. Zwei Interpretationen passen in die letzten Aufnahmen, in denen Peter allein auf seinem Bett sitzt, sich Brendas Stimme auf dem Tonband anhört, während der Rest des Hauses leer ist. Vielleicht ist er einfach nur wieder allein, da er Brenda umgebracht hat (weil sie flüchten, also „ihn verlassen“ wollte). Vielleicht hat er sie aber auch gehen lassen und wartet nun einfach auf die Polizei.

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Und, selbst nach über tausend Worten, steckt da immer noch viel mehr drin (die ganze Diskussion der durchgehenden Farbsymbolik und der sich permanent ändernden Schnitttechnik sparen wir uns jetzt mal). Trotz des eigentlich unangenehmen, brutalen Themas geht einem die Geschichte der beiden völligen Außenseiter, die da zusammenfinden, nahe. Beide Hauptrollen, von denen so viel abhängt, sind hervorragend besetzt und gespielt (dass Briant kurz zuvor im Fernsehen Dorian Gray gespielt hatte, ist sicher kein Zufall – die Parallelen in der Geschichte sind ebenfalls offensichtlich). Auch wenn man, wie eingangs erwähnt, maßlose Enttäuschung keinesfalls ausschließen kann, muss man aber schon sagen: Das Potential ist da – und ohne etwas zu wagen, kann man eben auch niemals mehr als Mittelmaß erreichen. Siehe 99,999% aller Hollywoodproduktionen.

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