Hell


Originaltitel:
Hell
Jahr:
2011
Eingetragen:
05.10.2011
Bearbeitet:
07.03.2012
IMDB-Wertung:
5,9/10

Leider ist man als Filmzuschauer ja bereits recht abgestumpft. Bei diesem Titel denkt man, obwohl der Film aus Deutschland stammt, natürlich erstmal an „Hölle“; gemeint ist aber (unter wahrscheinlich bewusster Duldung der Doppeldeutigkeit) das deutsche Adjektiv „hell“. Dabei wird die anglizistische Interpretation in der erste Szene durchaus erstmal genährt: Der Film beginnt mit einem Griff zum Kreuz und man befürchtet schon Schlimmstes.

Die sich zum Kreuz bewegende Hand gehört einem Franzosen, der im Wrack seines Autos liegt. Er und seine Gefährtin sind einer Bande Menschenjäger in die Falle gegangen. Doch nach einen Schnitt folgt die Handlung erstmal Marie (Hannah Herzsprung), ihrer jüngeren Schwester Leonie (Lisa Vicari) und Phillip (Lars Eidinger). Die drei sind ebenfalls im Auto unterwegs und es geht ihnen langsam das Benzin aus.

Der Hintergrund dieser Schicksale: Das Erdklima hat sich um 10° erwärmt. Wasser, wie auch andere Versorungsgüter, sind Mangelware und die gesellschaftliche Ordnung ist praktisch völlig zusammengebrochen. Die drei versuchen sich ins Gebirge durchzuschlagen, wo gerüchteweise oberhalb der Baumgrenze noch Niederschlag existieren soll (tolle Idee, denn da müsste die Sonne ja noch stärker brennen).

Das Problem, neben den widrigen Wetter- und Versorgungsbedingungen, ist die permanente Gefahr für Leib und Leben durch marodierende Horden anderer Überlebender. An einer Tankstelle findet Marie einen „Mr. Tom“-Erdnussriegel und dann zeigt sich auch sofort das menschliche Gegenstück: Tom (Stipe Erceg) prügelt sich erstmal gepflegt mit Phillip, bevor sich herausstellt, dass er eigentlich ein ganz netter Typ ist. Man beschließt, die Resourcen zu bündeln und Tom schließt sich dem Grüppchen an.

Doch dann kommen die vier an die dem Zuschauer bereits bekannte Stelle der anfänglichen Falle. Das Auto samt Leonie wird von Bösewichten entführt. Toms Befreiungsversuch führt nur dazu, dass auch er den Banditen in die Hände fällt. Phillip plädiert für Flucht, aber Marie macht sich zu Fuß an die Verfolgung und trifft schließlich auf eine Enklave voller Kannibalen (deren Anzahl je nach Erfordernissen der jeweiligen Szene zwischen sieben und 25 schwankt)...

Entwarnen kann man immerhin bezüglich der befürchteten Religionspropaganda: Nach der Anfangsszene passiert diesbezüglich erstmal lange nichts. Dann dient einmal eine Kirche als „rettendes Gebäude“ vor der stechenden Sonne (platte, sattsam bekannte Symbolik). Doch immerhin bedienen sich die Bösen ebensolcher Glaubensbekenntnisse, was das Ganze dann immerhin ansatzweise ambivalent macht. Im Großteil des Films spielt Religion zum Glück überhaupt keine Rolle. Auch legt Hell einen gewissen Wert auf grundlegenden Realismus: Es gibt keine Monster, keine Mutanten und keine allzu außergewöhnliche Kostümierung (Mad Max lässt grüßen). Auch wird nicht der moralische Zeigefinger bezüglich der Gründe dieses Klimawandels erhoben; diese werden noch nicht mal erwähnt. Stattdessen geht es um die Beziehungen der vier zentralen Charaktere untereinander.

Und in diesen primitiven Charakterisierungen und Rollengestaltungen der vier Hauptpersonen liegen dann leider auch die großen Kritikpunkte. Einerseits gibt es da den öden Konflikt zwischen Tom und Phillip: Die schon tausendmal gesehene Dreiecksbeziehung mit Marie verläuft extremst eindimensional; dass Phillip ein „feiger Schwächling“ und Tom ein „echter Mann“ ist, wird den Zuschauern in praktisch jeder Szene eingetrichtert. Phillip: Stellt das Autoradio aus (unmenschlich!), weiß nichts über Motoren (unmännlich!), tauscht die Mitfahrgelegenheit in seinem Auto gegen sexuelle Gefälligkeiten (Erpresser!) und versucht in Gefahrensituationen seine eigene Haut zu retten (Feigling!). Tom ist in allen Belangen das genaue Gegenteil. Dafür, dass man in vielen dieser Szenen Phillip allerdings auch als „Stimme der Vernunft“ bezeichnen könnte, ist in diesem Film selbstverständlich kein Platz. Man nehme die Szene mit dem Autoradio: Was für eine Verschwendung des knappen Benzins einen CD-Player (Laser!) anzustellen! Und später widerspricht sich der Film dann in seiner eigenen Motivik, als die Bösewichte nach Diebstahl des Wagens ebenfalls mit lauter Musik herumfahren. Mehr als praktisch sieht die Handlung dann auch vor, dass der „nutzlose Feigling“ Phillip elegant durch die Kannibalen entsorgt wird, ohne dass sich eine der positiven Identifikationsfiguren die Finger schmutzig machen muss, so dass er „Alphamännchen“ Tom nicht mehr in die Quere kommen kann.

Die Charakterisierungen der beiden Frauenrollen ist nicht entscheidend besser. Erstens ist natürlich sofort auffällig, dass ganz in der amerikanischen Filmtradition der 50er Jahre sinnloserweise mal wieder eine vorgeschobene Schwesterbeziehung herhalten muss, obwohl die Rollen inhaltlich als Mutter-Tochter-Kombination angelegt sind. Das passiert erfahrungsgemäß immer dann, wenn die ältere der beiden Darstellerinnen noch als zu jung für Mutterrollen angesehen wird. Dabei ist das in Hell insbesondere insofern völliger Unsinn, dass die Rolle der schätzungsweise 13-jährigen jüngeren Schwester ohnehin völlig kindlich und explizit asexuell ist. Man hätte sie also ohne Handlungsverluste oder -änderungen noch ein paar Jahre jünger machen können und schon hätte das ohne Verrenkungen gepasst (Marie soll wohl so ca. 30 sein).

Überhaupt hat Leonie im gesamten Film nur exakt eine einzige Funktion: Von Feinden gefangengenommen und bedroht zu werden, um Tom und Marie immer wieder die Gelegenheit zu geben, sie zu retten. Das passiert geschätzte fünf bis sechsmal im Handlungsverlauf; eine reine „Damsel in Distress“, man kann sich kaum eine undankbarere Rolle vorstellen.

Bliebe Marie, die im Vergleich zu ihren drei Mitfahrern immerhin noch 1,5-dimensional wirkt, aber auch eher auswechselbar bleibt. Und letzteres ist genau das Stichwort, das Hell eigentlich am besten beschreibt: Trotz aller Kritik im Detail wurde hier nichts groß falsch gemacht; das Standardprogramm des „Endzeitfilms“, inklusive erwähnter Plattheiten, wird routiniert abgespuhlt. Doch entwickelt der Film eben auch niemals eine eigene Identität, die ihn von anderen internationalen Genrevertretern abheben würde.

Die Chance, einen „deutschen Endzeitfilm“ zu drehen, wurde insofern völlig verpasst, dass beispielsweise die Schauplätze völlig auswechselbar sind. Die meiste Zeit geht es durch nicht identifizierbare Einöden. Sogar für Deutschland absolut untypische Bilder nehmen eine zentrale Rolle ein: gegen Anfang die Tankstelle im Nichts und gegen Ende die von Mauern umgebene Farm ohne Nachbarn im Umkreis mehrerer Kilometer. Eine Stadt bekommt man niemals zu Gesicht. So hätte man mit etwas Lokalkolorit diesen vergessenswerten Film selbst ohne intelligentes Drehbuch deutlich aufwerten können. War wohl nichts.

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