23 Schritte zum Abgrund


Originaltitel:
23 Paces to Baker Street
Jahr:
1956
Eingetragen:
13.05.2012
IMDB-Wertung:
7/10

Der blinde Theaterautor Phillip Hannon (Van Johnson) belauscht in einem Pub Fragmente einer Unterhaltung zwischen einem Mr. Evans und dem Kindermädchen Janet Murch (Natalie Norwick). Obwohl dies nicht explizit ausgesprochen wird, ist sich Hannon sicher: Die beiden planen die Entführung eines Kindes! Die Polizei (Maurice Denham) will davon aber nichts wissen und schiebt alles auf die Überinterpretation des Dramaturgen. So versucht er selbst zu ermitteln – unterstützt von seinem Butler Bob (Cecil Parker) und seiner ehemaligen Sekretärin/Verlobten Jean Lennox (Vera Miles). Die Spur führt zu einer Kindermädchenagentur…

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Hannon „schreibt“ per Diktat

Gut geklaut ist halb gewonnen: Den Plot entnimmt Regisseur Henry Hathaway aus The Nursemaid Who Disappeared und die Schlusswendung, die Identität Mr. Evans' betreffend, kam in exakt gleicher Weise bereits in seinem eigenen Haus an der 92. Straße vor. Doch anders als letzterer Film ist 23 Schritte zum Abgrund ein – trotz gelegentlichem, aber immer souverän überspieltem Abgleiten in die Unglaubwürdigkeit – spannender und sehr unterhaltsamer Krimi.

Das liegt erstens an der dramaturgischen Konstruktion der Handlung selbst. Ein paar aufgeschnappte Unterhaltungsfetzen, die bedrohlich wirken, aber, wie die Polizei zu Recht bemerkt, durchaus andere Interpretationen zulassen – was bedeuten die Worte wirklich? Hannon sitzt immer wieder verzweifelt vor dem Tonband, auf dem er die Unterhaltung aus seinem Gedächtnis aufgenommen hat, und versucht das zu entschlüsseln. Bis er schließlich merkt: Ja, die Lösung steckt tatsächlich in den Worten, doch an anderer Stelle, als er bislang angenommen hatte.

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Während Estelle Winwood noch die Bestellung aufnimmt, nimmt Evans' Schatten im Hintergrund Platz

Zweitens sind es die Charaktere. Hannon wird zwar sicherlich nicht als tiefgründige und entlarvende Charakterstudie in die Filmgeschichte eingehen, aber er ist ein klassischer Protagonist: Durch seine Erblindung ist sein Leben aus den Fugen geraten, er ist übereilt nach London übergesiedelt und hat alle Verbindungen in sein Heimatland abgebrochen. Ihm ist mit dem Sehen sein primärer Sinn genommen worden: Er selbst bedient sich einer besonders bildlichen Sprache, doch umgeben ist er von sehenden Menschen, die Personen, Gesichter, Kleidung und Umgebung kaum bewusst wahrnehmen und nach Beschreibungen gefragt höchstens auf Allgemeinplätze wie „schön“, „normal“ oder „du weißt schon…“ zurückgreifen.

Während man also mit Hannons Frustration über sich, sein Leben und seine Umwelt sympathisiert, werden seine eigenen Fähigkeiten zum entscheidenden Inhalt des Films. So bemerkt er an dem Kindermädchen Alice MacDonald (Patricia Laffan) einen aufgesetzt-künstlichen schottischen Akzent und, vielleicht noch wichtiger, dass sie das gleiche besonders teures Parfüm trägt, wie auch Janet Murch. Zwei Kindermädchen, die sich sowas leisten können? Das kann doch kein Zufall sein! Doch auch seine Schranken muss Hannon sich aufzeigen lassen: Als er in die Finger eines Bösewichts (Liam Redmond) gerät, der ihn in eine Bauruine führt, um dort einen „Unfall“ zu haben, ist er in der ihm unbekannten und gefährlichen Umgebung tatsächlich völlig hilflos.

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Ein Schritt zum Abgrund!

Im Gegenzug bedienten sich später auch andere Filme/Theaterstücke bei 23 Schritte zum Abgrund. So ist wohl kaum auszuschließen, dass gleich mehrere Elemente und Szenen in Warte, bis es dunkel ist diesem Film – insbesondere dem Finale, in dem Evans in Hannons komplett abgedunkelte Wohnung eindringt – entlehnt sind. Doch in keiner Richtung ist das ja eine Schande, denn manche Handlungskniffe sorgen eben auch bei wiederholter Anwendung immer wieder für Spannung.

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