Die Bestie mit dem Skalpell


Originaltitel:
Corruption
Jahr:
1968
Eingetragen:
12.06.2012
IMDB-Wertung:
5,6/10

Sir John Rowan (Peter Cushing) befindet sich im gesetzten Alter und er hat sich einen weitreichenden guten Ruf als angeseher Chirurg erarbeitet. Er hat eine ungewöhnliche Verlobte: Das Fotomodell Lynn Nolan (Sue Lloyd). In deren gesellschaftlichem Umfeld fühlt sich und wirkt John deutlich deplatziert. So auch bei einer Party, bei der es schließlich zu Handgreiflichkeiten zwischen ihm und dem Fotografen Mike (Anthony Booth) kommt: Ein Scheinwerfer fällt um und verbrennt Lynns halbes Gesicht.

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Sir John deplatziert
Während Lynns Schwester Val (Kate O'Mara) sie pflegt geht John auf seine ganz eigene Weise mit seiner Schuld um: Er studiert schon fast vergessene rekonstruktive Methoden der alten Ägypter, mit denen er Lynns Gewebe wiederherzustellen gedenkt. Seine besessenen Experimente sind schließlich von Erfolg gekrönt: Mit Hilfe von einer Leiche entnommenem Gewebe sieht Lynn wieder aus wie neu!

Doch die Freude ist nicht von Dauer. Die Verbrennungen kehren zurück. John diagnostiziert, das Problem sei die Verwendung toten Zellgewebes gewesen. Die Methode könne nur mit lebendem Gewebe dauerhaft anschlagen. Also zieht er los ins Rotlichtviertel und kommt mit einem frisch abgetrennten Kopf zurück. Während des gemeinsamen Urlaubs treten jedoch wieder Komplikationen auf. John weigert sich nun, nochmal zu morden: Er könne das nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren. Doch für Lynn ist ihr gutes Aussehen nicht optional: Sie stellt John vor die Wahl, entweder wieder zu operieren oder er könne die Hochzeit vergessen. Der Beginn der Suche nach weiteren Opfern (Wendy Varnals, Valerie Van Ost), die schließlich immer bizarrere und überraschendere Ausmaße annimmt…

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Auf der Suche nach Rohmaterial
Augen ohne Gesicht, allerdings mit einer klareren Schuldverteilung: Während in dem französischen Klassiker die „entstellte“ Tochter nichts von den mörderischen Aktivitäten ihres Vaters wusste, ist Lynn hier schließlich sogar deren treibende Kraft. Auch stilistisch läuft einiges anders. An Stelle der langsamen, ästetischen Bilder treten in Die Bestie mit dem Skalpell vor Allem die Mordszenen, die schnell geschnitten, brutal und kompromisslos sind: Die unvorteilhaften Nahaufnahmen des uneleganten Gerangels haben eine realistische Intensität, die schon gelungen ist. Vor Allem natürlich, weil Peter Cushing darin verwickelt ist.

Jedoch, apropos Mordszenen: In der anscheinend einzigen existenten offiziellen DVD ist sehr offensichtlich die erste dieser komplett herausgeschnitten. John zieht durchs Rotlichtviertel, völlig abrupter Schnitt und er kehrt plötzlich mit einem Kopf nach Hause zurück. Ich bin niemand, der sich wegen hier und da weggeschnittener halber Sekunden beschwert, doch in diesem Fall wirkt das völlig desorientierend: Da es sich um den ersten potentiellen Mord handelt, weiß man nicht, ob es tatsächlich ein solcher war – oder ob John vielleicht doch nochmal auf die Leichenhalle, ein frisches Unfallopfer oder sonst etwas zurückgegriffen hat. Ein zweiter seltsamer, wenn auch nicht ganz so entstellender Schnitt, findet sich am Ende des letzten Mordes.

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Doch die Umsetzung ist nicht so einfach wie gedacht
Dann muss man natürlich noch das Ende erwähnen, oder genauer gesagt „die Enden“. „Es war alles nur ein Traum“ ist grundsätzlich inakzeptabel – diese letzte Minute hätte man also einfach weglassen sollen. Doch auch das „erste Ende“ mit dem wildgewordenen Laser ist leider eher unfreiwillig komisch als tragisch. Dabei wäre es doch alles so einfach gewesen: Die vollends durchgedrehte Lynn hatte sich gerade mit einer Bande Gauner verbündet, die John zwingen sollte, eine weitere Operation an ihrem Gesicht durchzuführen. Anstatt dann dieses Hin und Her anzufangen und schließlich den Laser alles ziellos beenden zu lassen, wäre beispielsweise folgendes Ende möglich gewesen: John hätte zustimmen müssen, doch die Gauner haben ja keine Ahnung von Lasern; also hätte er ihn auf volle Stufe drehen sollen und damit Lynn töten (da er dies als einzigen Ausweg aus seiner Situation gesehen hätte) müssen. In diesem Moment hätte der eine Bösewicht durch die Tür kommen müssen, der seine von John ermordete Freundin entdeckt hatte; daraufhin hätten die Gauner auch John totgeschlagen und er hätte sich aufgrund seiner Schuld, der er sich mehr als bewusst war, nicht mal gewehrt. Ende. Völlig unoriginell, aber folgerichtig – so einfach hätte man den gesamten Film ungemein aufgewertet.

Doch, trotz aller verpassten Chancen, ist Die Bestie mit dem Skalpell schon sehenswert. Seltsamerweise schwankt es zwischen zwei Unterhaltungsformen: Wirklich gelungenen Szene wie die bereits erwähnten Morde (langes, emotional geladenes Ringen, das zeigt, wie schwierig es sein kann, einen Menschen umzubringen…) oder auch die anfängliche Partyszene, in der Cushing als peinlich berührter Fremdkörper umherstolpert auf der einen Seite, teilweise lächerliche auf der anderen. In letztere Kategorie fällt neben einigen Kostümen (Cushing in Popeye-Verkleidung) die bizarr-unvermittelte Rückkehr des einen potentiellen Opfers: „Hallo, da bin ich wieder!“ – in einem unbeschwert fröhlichen Tonfall, während Cushing gerade an einem Kopf herumsägt. Auch wenn diese Qualitätssprünge die Bildung eines konsistenten Gesamteindrucks natürlich schwierig machen, sind doch beide Ebenen auf ihre Weise unterhaltsam.

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