Das Schloss der blauen Vögel


Originaltitel:
La bestia uccide a sangue freddo
Alternativtitel:
Der Triebmörder / Das Schloß der blauen Vögel
Jahr:
1971
Eingetragen:
22.07.2012
Bearbeitet:
29.08.2012
IMDB-Wertung:
5,1/10

Die „Erotik – Gore – Fassung“, die aktuell in Deutschland vertrieben wird, „…zeichnet sich nicht nur durch die Starpräsenz Klaus Kinskis aus, sondern auch durch extrem blutige Morde und an Hardcore grenzende Sexszenen“. Behauptet zumindest die Hülle. Wenn das mal nicht zu einem Paradebeispiel für falsch geweckte Erwartungen wird. Auf jeden Fall beginnt es reichlich zahm mit einem in erschreckender Langsamkeit herumschleichenden Mörder (nehmen wir einfach mal an…), dessen ausgewähltes Opfer eine zugegebenermaßen nackte, aber strategisch bedeckte Frau ist – die jedoch, bevor es zum Vollzug der Tat kommt, aufwacht – Mission gescheitert.

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Dr. Kinski auf Visite beim Ehepaar Sassner (entmündigt)

Das war's dann erstmal für die erste gute halbe Stunde. Stattdessen wird, ohne nochmal auf irgendwelche Mordgefahren einzugehen, das eher unspektakuläre Leben und Treiben in Schloss Hohenschwand, einem Nervensanatorium für reiche Frauen (bzw. die Frauen reicher Männer), das von Professor Dorian (John Karlsen) unter der Assistenz Dr. Bernd Kellers (Kinski) und mit der Unterstützung seiner Tochter Angela (Monica Strebel) geleitet wird, gezeigt. Unter den Insassen befinden sich solche Fälle wie Ruth (Gioia Desideri), die frisch widerwillig von ihrem Mann eingeliefert wurde, Luise Sassner (Margaret Lee), die einen Selbstmordversuch hinter sich hat und deren Ehemann (Piero Nistri) selbst ein ehemaliger Patient der Institution ist, der sie aber aufgrund seiner eigenen Entmündigung eigentlich schnell wieder im gemeinsamen Firmenbetrieb bräuchte, Pearl (Jane Garret) und Nymphomanin Anne (Rosalba Neri).

Letztere beiden sollen wohl für die „Erotik“ zuständig sein: Pearl pflegt eine zahme Affäre mit Oberschwester Angela, Anne trauert sehr aktiv der früheren Affäre mit ihrem Bruder Peter hinterher und schmeißt sich an den Gärtner (John Ely) ran, der nur pro forma kurzen Widerstand leistet. Was sich aber (fast, dazu später mehr) alles im üblichen FSK-16er-Bereich bewegt.

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Schwestern und Patientinnen haben viel Spaß miteinander

Irgendwann, wenn garantiert auch beim letzten Zuschauer das große Gähnen über das endlose Croquet- und Schachspielen ausgebrochen ist, taucht dann doch der Killer wieder auf und mordet sich durch die Schlafzimmer. In sein Cape gehüllt streift er durch die gut mit dekorativen Waffen ausgestatteten Gänge (gute Idee bei der Menge an Selbstmordkandidaten), die Silhouette erinnert an Kinski… der „zufällig“ immer „gerade kurz weg muss“, bevor ein Mord geschieht. Ui, ui, ui, die Spannung steigt!

Die Morde laufen meist nach dem gleichen Schema ab: Frau wälzt sich unmotiviert im Bett herum, sie „träumt“ nochmal alle ihre bisherigen Filmszenen (so füllt man Zeit!), Killer meuchelt sie. Wobei jede dieser Szenen schon… seltsam ist. Der schlafenden Ruth drückt der Mörder (auch Günther Netzer sollte man als Verdächtigen nicht ausschließen…) ein Messer in die Hand und wartet, bis sie aufwacht und ihn mit jener Waffe angreift. Anne wundert sich überhaupt nicht, als ein maskierter Mann mit einer Streitaxt an ihrem Bett steht – sie sieht darin eine willkommene Chance für Sex. Pearl wird durch ihr Fenster mit einer Armbrust erschossen (der Killer wartete anscheinend stundenlang geduldig im Hof, dass irgendjemand mal an ein offenes Fenster tritt).

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Doch auch für psychopathische Mörder wird genug Auswahl an spaßigen Werkzeugen geboten

Das wird Dorian schließlich zu bunt und so ruft er dann doch die Polizei. Der Inspektor (Ettore Geri) weigert sich, weitere Morde zu verhindern, da Dorian & Co. die Lage der bisherigen Leichen verändert hätten. Keller schlägt vor, Luise, mit der er nebenbei selbst eine Affäre hat, als Lockvogel zu verwenden. Dies sei auch aus medizinischer Sicht sinnvoll, denn so könne man prüfen, ob die geheilt sei. Wodurch der Mörder erfahren soll, dass Luise zum Abschuss freigegeben ist, bleibt offen. Wenn es nicht eh Keller ist (wobei es an seiner Stelle recht dämlich wäre, den Vorschlag zu machen, sich eines Lockvogels zu bedienen, und dann selbst in die Falle zu tappen…). Nachdem sich sämtliche Logik also endgültig verabschiedet hat, wird der zufällig ausgewürfelte Mörder enttarnt, aber er darf dann nochmal im Schwesternschlafsaal mit einem Morgenstern wüten („Gore!“), bevor er zehnmal erschossen wird. Ende.

In dieser letzten Szene sieht man mehr Kunstblut als kumuliert vorher. Und „Gore“ trifft es trotzdem noch lange nicht, da man sich des altbekannten Stilmittels der Gegenschnitte bedient: eine geschwungene Waffe, Schnitt, blutüberströmter, fallender Körper. In einer einzigen Szene wird einmal das Eindringen einer Waffe in einen Körper den Bruchteil einer Sekunde gezeigt.

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Diese dürfen auch gerne eingesetzt werden

„Erotik“ ist natürlich ohnehin ein subjektiver Maßstab. Messbar sind auf jeden Fall „Sex“ und „Nacktheit“ – was allerdings ebenfalls nur einmal drei Sekunden lang die üblichen Mainstreammaßstäbe der 70er Jahre überschreitet: Kurz vor dem stundenlang angekündigten Vollzug zwischen Pearl und Angela macht sich letztere schonmal „warm“, was mit einer Großaufnahme „versüßt“ wird, wie man sie tatsächlich eher aus rein pornographisch motivierten Werken gewohnt ist. Die allerdings offensichtlich nicht die gleiche Darstellerin zeigt (da jene nach dem nächsten Schnitt plötzlich wieder ihre gut sitzende Unterwäsche trägt) und ersatz- und verlustlos hätte gestrichen werden können. Die Fummelei der beiden Damen ist dann auch wieder völlig jugendfrei (und auch nach 10 Sekunden wieder vorbei).

An den reißerischen Werbe-„Versprechen“ sollte man den Film also besser nicht messen. Von mehr als 20 zusätzlichen Minuten ist auf der Verpackung die Rede. Doch wenn man sich den Film so anguckt, beschleicht einen der Verdacht, dass davon wahrscheinlich nur ca. 10 Sekunden wegen „Sex & Gewalt“ geschnitten waren in der klassischen deutschen Version. Der Rest war wahrscheinlich der Versuch, das Machwerk irgendwie anschaubar zu gestalten. Was allerdings ohnehin ein sinnloses Unterfangen gewesen sein dürfte: Die Flucht nach vorne, also die Einbindung dieses ganzen Schwachsinns, macht es ganz sicher viel unterhaltsamer! Nach ernsten Maßstäben ist da eh nichts zu retten – aber unglaublich unfreiwillig komisch ist es trotzdem.

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