Gefährliche Züge


Originaltitel:
La diagonale du fou
Jahr:
1984
Eingetragen:
29.08.2012
IMDB-Wertung:
6,6/10

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Spätestens seit Bobby Fischer wusste man, dass Schach zum politischen Krimi werden kann. Seinen Weltmeisterschaftspartien gegen sowjetische Spieler Anfang der 70er Jahre wurde auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges von höchster Stelle eine entscheidende Prestigebedeutung zugemessen. So tritt denn auch in Gefährliche Züge mit dem „Großmeister Fromm“ (Alexandre Arbatt) ein junger Mann auf, der sich als genialer und rebellischer Einzelgänger gibt, der zu den Partien (absichtlich) gerne mal zu spät kommt. Doch damit enden die Parallelen zu Fischer.

Stattdessen nimmt sich die fiktive Handlung insbesondere die ebenfalls politisch aufgeladene Schachweltmeisterschaft von 1978 zum Vorbild: Ein „linientreuer“ Spieler aus der Sowjetunion gegen einen in die Schweiz emigrierten ehemaligen Landsmann. Erstere Rolle kommt im Film der Weltmeister Liebskind (Michel Piccoli), der von dem bereits erwähnten „jungen Rebellen“ herausgefordert wird – d.h. die Rollen sind gegenüber der Realität (in der Emigrant/Dissident Kortschnoi gegen Weltmeister Karpow antrat) vertauscht worden. Die psychologischen Spielchen sind teilweise so absurd, dass man kaum glauben mag, dass sie größtenteils auf den tatsächlich verbrieften Fakten des Wettkampfes beruhen: Angeblich per Joghurtbecher verschickte Geheimnachrichten während der Partien, Gurus, die den gegnerischen Spieler hypnotisieren (oder zumindest ablenken) sollten, verspiegelte Sonnenbrillen als Gegenmaßnahmen usw.

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Dazu dichtet der Film eine Hintergrundgeschichte, die ganz geschickt die Verantwortung für diese Auswüchse auf die politischen Hintermänner, die aus dem Duell Kapital zu schlagen versuchen: Letztlich stellen sich die beiden Kontrahenten trotz aller Differenzen als faire Sportsmänner heraus, denen es wirklich um den intellektuellen Wettkampf geht. Zwar lassen sie sich beide bis zu einem gewissen Maße instrumentalisieren, auch um eigene Vorteile herauszukitzeln, doch als dieses gesamte Kartenhaus schließlich in sich zusammenfällt, bringen sie ihr Spiel lieber privat zu Ende – und wenn es (für einen von ihnen) den Tod bedeutet. Was schon fast als prophetisch gelten darf, denn die wirkliche Weltmeisterschaft von 1984 wurde tatsächlich abgebrochen, als einer der Kontrahenten nach mehreren Monaten ohne Entscheidung vor körperlicher Erschöpfung ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.

Das ist für zeitgeschichtlich und sportgeschichtlich interessierte Zuschauer sicherlich faszinierend. Doch ungewöhnliche oder sonstwie überraschende Interpretationen hat der Film ebensowenig zu bieten, wie eine wirkliche persönliche Konfliktebene. Eine solche müsste ja noch nicht mal zwischen den Hauptpersonen aufgebaut werden, aber auch die beiden Einzelschicksale der beiden setzt sich anscheinend nur aus diversen Kleinaspekten zusammen, die sich kaum oder erst spät zu einem stimmigen Gesamtbild formen. Also steht und fällt es wohl doch mit dem persönlichen Interesse an der Thematik – wobei das echte Leben in diesem Bereich sogar noch spannendere Geschichten geschrieben hat.

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