Lawrence von Arabien


Originaltitel:
Lawrence of Arabia
Jahr:
1962
Eingetragen:
16.09.2012
IMDB-Wertung:
8,3/10

Der längste oscarprämierte Film… sparen wir uns einfach mal die detaillierte Nacherzählung. Bekanntermaßen dreht sich die Geschichte um Thomas Edward Lawrence (Peter O'Toole), Major in der britischen Armee, der im 1. Weltkrieg zu einer entscheidenden Figur im Aufstand der untereinander zerstrittenen arabischen Stämme gegen die türkische Herrschaft wird. Regisseur David Lean orientiert sich dabei, wenn auch interpretatorisch frei, an der Autobiographie des historischen Lawrence.

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Die auf die Seeseite gerichteten türkischen Kanonen kommen bei der Erstürmung der Stadt nicht zum Einsatz

Ins Zentrum der ausladenden Erzählung wird dabei das Spannungsfeld, in dem sich der Film-Lawrence steht und an dem er schließlich zerbricht, gestellt. Seine Faszination mit der Wüste, die in tatsächlich wunderschönen Panoramen in Szene gesetzt wird, dem Leben dort und den Facetten der arabischen Gesellschaft sind die Grundlage seines Erfolges: Im Gegensatz zu anderen militärischen Beratern geht er gleichberechtigt mit den Arabern um; er tritt nicht als Externer auf, sondern macht sich ihre Sache zu eigen und gewinnt so ihr Vertrauen. So führt er die versprengten Stämme mit ihren Lokalfürsten (Anthony Quinn und Omar Sharif) zu unmöglich geglaubten militärischen Erfolgen.

Doch gleichzeitig ist diese Fähigkeit des Aufgehens im Fremden seine größte Schwäche. Die Bewunderung, die ihm nach seinen Taten entgegengebracht wird, kann er nicht verarbeiten. Das geht so weit, dass er sich irgendwann selbst für beinahe göttlich hält – unfehlbar und omnipotent. Völlig geblendet glaubt er, dass er, der hochgewachsene Blonde mit strahlen blauen Augen, in einer türkisch kontrollierten Stadt als Araber durchgehen könnte. Und aus der eigentlich vorhersehbaren Gefangenschaft durch die Truppen des Statthalters (José Ferrer) kehrt er verändert zurück.

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Lawrence wird zum Fremdkörper unter den britischen Offizieren

In zwei Schlüsselszenen bittet Lawrence seine militärischen Vorgesetzten (Jack Hawkins und Donald Wolfit), ihn nicht mehr in die Wüste zurückzuschicken. Aus jener Welt herausgerissen erkennt er nämlich plötzlich seine Hybris. Doch für die britischen Strippenzieher (Claude Rains) ist er in seiner medientauglichen Rolle zu wichtig geworden. Was ihn jedoch schließlich noch viel mehr trifft, ist, das es sich mit dem arabischen Prinzen Feisal (Alec Guinness) ganz ähnlich verhält: Auch er benutzt den idealistischen Lawrence; weiß er doch, dass nach Ende des Krieges gegen die Kolonialmächte England und Frankreich kein Kraut gewachsen sein wird, lässt er Lawrences Versuche der Konstitution eines arabischen Nationalstaates gegen die Wand laufen. Als gebrochener Mann muss Lawrence schließlich in seine Heimat, die er nicht mehr als solche ansieht, zurückkehren.

Lean inszenierte den Film in zwei Teilen, die man durchaus auch jeweils eigenständig ansehen kann. Der erste Teil endet mit Lawrences größten militärischen Erfolg, der Erstürmung der als uneinnehmbar geltenden Küstenfestung Aqaba. Bis dahin wäre Lawrence von Arabien allerdings ein relativ konventionelles, wenn auch zugegebenermaßen optisch, schauspielerisch und dramaturgisch hervorragend in Szene gesetztes Kriegsheldenepos gewesen. Die Erzählung springt dann um ein paar Monate und zuerst scheint es so, als würde die Erzählperspektive wechseln: Ein amerikanischer Reporter (Arthur Kennedy) will über Lawrence berichten und nimmt kurzfristig die Protagonistenrolle ein.

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Doch auch unter den Arabern sticht er als Lichtgestalt heraus – zu sehr

Hiermit beginnt die Außenbetrachtung der Figur des Lawrence. Zwar verschiebt sich fast unmerklich die explizite Perspektive wieder zurück, so dass er wieder im Zentrum steht und der Reporter wieder fast komplett verschwindet. Doch unterschwellig hat sich Einiges geändert: Die Distanz zwischen Zuschauer und Hauptperson ist entsprechend der Entwicklung seiner Person gewachsen. Der absolute Kunstgriff dabei ist, dass Lawrence trotzdem, und auch trotz seiner fast schon schizophrenen Arroganz, dabei nicht die Sympathie der Zuschauer verliert. Und das macht den Unterschied zwischen einem „nur“ guten und einem hervorragenden Film aus – und nur letztere können sich solche Überlängen leisten, ohne dabei zu nerven!

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