Felicia, mein Engel

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Originaltitel:
Felicia's Journey
Jahr:
1999
Eingetragen:
03.11.2012
IMDB-Wertung:
7/10

Einsam und verloren – das sind beide Hauptpersonen. Eine ist Joe Hilditch (Bob Hoskins), Manager einer Lebensmittelfabrik, der seine Abende damit verbringt, sich alte Aufnahmen seiner Mutter, seinerzeit Fernsehköchin, anzusehen, ihre Rezepte nachzukochen und so zu tun, als würde sie noch leben und ihm Gesellschaft leisten. Die andere ist Felicia (Elain Cassidy), ein junges irisches Mädchen, das hier auf der Suche nach ihrem Freund Johnny (Peter McDonald), der sich seit seiner Rückkehr nach England nicht mehr bei ihr gemeldet hat, ist.

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Hilditch schärft noch seine Messer, während seine Mutter schon fleißig am Werk ist

Ihre Schwangerschaft von einem verhassten Engländer hat in ihrem Heimatdorf einen Skandal ausgelöst. Damit gehört sie genau zu der Gruppe von Menschen, denen sich Hilditch schon häufiger hilfreich angenommen hat: Er nimmt junge Frauen in Schwierigkeiten bei sich auf, spricht mit ihnen, berät sie und unterstützt sie tatkräftig – jedoch endet es jedesmal so, dass er sie ermordet; denn sobald die akuten Probleme überwunden sind, wollen sie natürlich wieder auf eigenen Füßen stehen, und verlassen zu werden, kann Hilditch nicht ertragen!

Der Schrecken für den Zuschauer liegt darin, wie routiniert und systematisch Hilditch vorgeht: Eine vertrauenserweckende Tarnstory inklusive diverser Details, die sie glaubwürdig machen, schüttelt er Felicia gegenüber sofort aus dem Ärmel. Er findet Johnny problemlos, hat jedoch gar nicht vor, Felicia davon zu erzählen, denn er möchte sie in ihrem hilflosen Zustand halten. Denn er weiß bereits, dass er nur so lange ihre Gesellschaft und damit das Gefühl, gebraucht zu werden, genießen kann.

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Das verschlafene Irland ist für Felicia zu klein

In einem Rückgriff auf Augen der Angst existiert für ihn nur das, was auf Film oder Video festgehalten ist. So hat er es in seiner eigenen Kinderzeit gelernt und so hält er es entsprechend auch mit den Mädchen, die er ohne ihr Wissen genauestens „katalogisiert“. Das mag alles sehr egoistisch motiviert sein, doch Hilditch ist kein Monster: Aus seiner Sicht ist all das, was er tut, sehr logisch und zweifellos hat er durchaus auch altruistische Motive – ob es die „archivierte“ Prostituierte oder eben die frisch angekommene Felicia ist; niemand anderes nimmt sich diesen verlorenen Mädchen überhaupt und dermaßen (scheinbar) bedingungslos an.

Felicia ist zwar von durchaus ähnlichen Einsamkeitsproblemen gequält, jedoch aus entgegengesetzten Gründen: Ihre erste große Liebe wurde enttäuscht, was ihr unterbewusst bereits klar ist, aber sie sucht noch nach der expliziten Bestätigung. Ihr irisches Dorf mit all seinen Restriktionen und Vorurteilen ist ihr zu klein geworden, doch selbst in der ebenfalls noch recht beschränkten Welt Birminghams ist sie bereits verloren, da sie niemals etwas anderes kennengelernt hat in ihrem kurzen Leben. Ihre fehlende Lebenserfahrung gepaart mit ihrer schwierigen Lebenssituation macht sie zu einem leichten Opfer für Hilditch, der genau nach solchen Mädchen sucht.

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Hilditch nimmt sie in seine Sammlung auf

Die hauptsächlich in Rückblenden stattfindende Erzählung ist für die Entstehungszeit ungewöhnlich langsam und subtil. Zahlreiche kleine Verfremdungseffekte verhindern das gemütliche Zurücklehnen der Zuschauer in ihren Sesseln. So ist beispielsweise keine der beiden Zeitebenen, also die Gegenwart Felicias und die Hilditchs Kindheit, so richtig klar definiert. Einiges spricht dafür, dass Hilditch in etwa dem Alter seines Darstellers entspricht, schließlich trat in seiner Kindheit seine Mutter im Fernsehen auf – in schwarzweiß, aber immerhin. Das müssten also mindestens die 50er Jahre sein. Damit müsste der Hauptplot dann in den 90er Jahren spielen… aber für Hilditch scheint die Zeit seit Jahrzehnten stehengeblieben zu sein (sein Auto, sein Kleidungsstil, die Einrichtung seines Hauses). Auch kaum vorstellbar, dass Felicia in ihrer Familie dermaßen großer Hass entgegenschlagen würde für ihre Verbindung mit einem Engländer in einer doch relativ modernen Zeit.

Die einzige erzählerische Schwäche ist somit die sehr konzentrierte Abhandlung der konkreten Beziehung zwischen den beiden Hauptpersonen. Sehr schnell, zu plötzlich und vor allem zu übergangslos und ohne jeglichen inneren oder äußeren Konflikt kommt Hilditch zu dem Schluss, auch Felicia umzubringen. Dafür hätte man etwas mehr Zeit spendieren und dafür vielleicht doch die eine oder andere Rückblende etwas kürzen können. Doch das sind sicherlich Details.

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