Boxing Helena


Originaltitel:
Boxing Helena
Jahr:
1993
Eingetragen:
28.12.2012
Bearbeitet:
27.01.2013
IMDB-Wertung:
4,7/10

Der berüchtigte Film, für den Kim Basinger neun Millionen Dollar bezahlte, um darin nicht mitspielen zu müssen… wobei sie noch vergleichsweise mit einem blauen Auge davon gekommen ist, wenn man all die beendeten Karrieren derjenigen, die tatsächlich in dem Film zu sehen waren, bedenkt. Der Film, in dem es nicht etwa darum geht, Helena zu Brei zu prügeln, sondern sie wortwörtlich in eine Kiste zu verpacken – und zwar auf eine nicht gerade naheliegende Weise…

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Helena ist es gewohnt, von der Männerwelt umschwärmt zu werden
Eigentlich begann alles mit Twin Peaks. Der grandiose Erfolg dieser Serie beeindruckte Studios so sehr, dass allein der Name „Lynch“ nun locker alle Türen öffnete; auch wenn es sich tatsächlich „nur“ um die Davids Tochter, Jennifer Chambers Lynch handelte. Sie ist eine derjenigen, deren Karriere nach diesem ihrem Debüt dann auch gleich wieder beendet war, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte.

Ebenfalls mit von der Partie ist Sherilyn Fenn, gerade frisch der Twin-Peaks-Highschool (und One-Eyed Jack's) entkommen. Als dritte Wahl verkörpert sie jene Helena, einen männerfressenden Vamp, mit dem der erfolgreiche Chirurg Nick Cavanaugh (Julian Sands) vor einiger Zeit eine Nacht verbracht hat. Die Bewertungen des gemeinsam erlebten könnten jedoch nicht weiter auseinandergehen: Für Helena war das übernervöse Gefummel eine maßlose Enttäuschung, doch Nick ist seitdem völlig von ihr besessen. Dies bricht bei ihm wieder aus, als er Helena zufällig abends in einer Kneipe wiedersieht. Tatsächlich lässt sie sich breitschlagen, auf einer von ihm organisierten Party zu erscheinen, doch tatsächlich nur, um ihn bis aufs Blut zu demütigen.

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Das Schicksal nimmt seinen Lauf
Doch auch das lässt Nick nicht aufwachen. Seine Chance kommt, als Helena direkt vor seinem Haus von einem Auto überfahren wird: Geistesgegenwärtig (oder völlig vernebelt) schafft er sie in sein Haus und amputiert ihr die zerstörten Beine. Damit rettet er ihr das Leben, doch allein auf die dadurch zu erwartende Dankbarkeit will er sich nicht verlassen; niemand darf davon erfahren, dass Helena überhaupt bei ihm weilt. D.h. er hält sie in seinem Haus gefangen, ver- und umsorgt sie in seiner besessenen Liebe.

Er kündigt seinen Job und bricht jeglichen Kontakt zu seinen Kollegen (Kurtwood Smith und Art Garfunkel) sowie seiner Beinahe-Verlobten (Betsy Clark) ab. Doch Helena lässt sich wider erwarten nicht unterkriegen; wenn sie auch gefangen ist, so zeigt sie doch weiter ihre offene Verachtung für Nick. Schließlich weiß der sich nicht mehr anders zu helfen, als ihr auch noch die Arme zu entfernen und sie so endgültig absolut hilflos und abhängig zu machen. Weitere quälende Tage, in denen Nick Helena dann eben in einer Art Schaukasten (oder ist es ein Altar?) „aufbewahrt“, später scheint sein Plan schließlich aufzugehen, als Helena ihre Isolation nicht mehr ertragen kann.

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Doch die Bewunderung bleibt einseitig
Dass ein solcher Stoff nicht überall gut ankommt, kann man sich schon bei solch oberflächlicher Zusammenfassung denken. Dazu kommen diverse definitive und eventuelle Schwächen in der Umsetzung. In ersterer Gruppe sind primär drei Sachverhalte zu nennen. Erstens die Zurückführung des Traumas Nicks auf seine lieblose Kindheit, insbesondere dem Verhalten seiner kürzlich verstorbenen Mutter (Meg Register). Platter geht's einfach nicht! Wieso etwas erklären, wo gar keine Erklärung notwendig war?

In diesem Zusammenhang ist zweitens die Darstellung Nicks zu nennen. Sands ist kein schlechter Schauspieler und er verkneift es sich glücklicherweise, den durchgeknallten Arzt so zu geben, wie man es von ihm gewohnt ist: diabolisch und dominant. Stattdessen soll sein Nick genau anders sein, also bemitleidenswert schwach. Gut gedacht, denn die Geschichte kann nur funktionieren, wenn die Zuschauer mit Nick trotz seiner Taten sympathisieren, aber diese Rolle packt Sands einfach nicht; teilweise ist es regelrecht peinlich, ihm zuzuschauen. Drittens ist das einfach nur peinliche Ende zu nennen. Unglaublich, wie man sich das überhaupt noch trauen kann – am besten einfach nach der Prügelei zwischen Nick und Helenas anderem Liebhaber Ray (Bill Paxton) abstellen. Dadurch gewinnt der Film ungemein!

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Nick erhofft sich traute Zweisamkeit
Ebenfalls billig und unangenehm wirkt auch einiges am Anfang des Films, vor Helenas Unfall. Insbesondere stören erstmal zwei ausgedehnte Szenen, in denen allzu voyeuristisch-dümmliche „Erotik“-Clichés (d.h. Männerfantasien) bedient werden. Einmal sogar scheinbar völlig ohne Sinn und Verstand (der Springbrunnen…). Doch im Gesamtbild des Films könnte man das so interpretieren, dass es eventuell als Satire auf das Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre entstandene Genre des „Erotikthrillers“ gemeint sein könnte: Das mittlerweile diesbezüglich konditionierte Publikum wird erstmal durch solche Szenen in scheinbarer Sicherheit gewiegt bis dann in völlig andere, psychologisch potentiell viel schockierendere Richtungen gesteuert wird. Aber ob das so gedacht war? Sagen wir mal: Im Zweifel für den Angeklagten; zu kritisieren gibt es ohnehin schon genug.

Lob auszusprechen ist dagegen angesichts der wirklich groben Schnitzer schwieriger. Neben der wirklich brauchbaren Besetzung Fenns muss man an dieser Stelle eher von den Intentionen, den Ideen, den Absichten sprechen. Aus solch einem Drehbuch hätte man schon etwas machen können. Selten (aber immerhin) blitzen mal kleine Momente auf, wie beispielsweise der kurze Dialog zwischen Nick und Ray, der in gewisser, perverser Weise zeigt, dass es ersterem wirklich ernst ist mit seiner bedingungslosen Bewundern Helenas. Ebenso wie der durchgeknallte Bösewicht Frank in Blue Velvet liebt er sein Opfer wirklich, zeigt es eben nur auf eine… ungewöhnliche Weise. Was man von dem oberflächlicheren Ray nicht behaupten kann.

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Selbst als scheinbare Anziehpuppe bleiben Stolz und damit Distanz
Ebenfalls mit ein bisschen gutem Willen positiv zu interpretieren ist die Dynamik zwischen den beiden Hauptpersonen dieses Kammerspiels: Trotz seiner offensichtlichen körperlichen Überlegenheit und der damit zusammenhängenden eingebildeten Macht über Helena ist er erstmal weiterhin der Unterlegene, der verzweifelte Liebestrunkene, der mit dem Objekt seiner Begierde einfach nicht umzugehen weiß (vgl. beispielsweise Femina Ridens).

Nichts davon rettet den Film in seiner Gesamtheit. Was wirklich ärgerlich ist, denn vom Potential her sticht Boxing Helena schon deutlich sichtbar aus der Masse hervor. Doch Potential ist eben nicht alles. In den Händen eines erfahreneren, subtileren Regisseurs, unter Umbesetzung einer der Hauptrollen und mit ein paar Kürzungen im Drehbuch hätte das durchaus etwas werden können. Wirklich ärgerlich!

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