Possession


Originaltitel:
Possession
Jahr:
1981
Eingetragen:
24.03.2013
Bearbeitet:
13.03.2014
IMDB-Wertung:
7,4/10

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Symbole der Trennung: Wohnung direkt an der Berliner Mauer
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Mark im Fokus, Anna schemenhaft (und: Blut in steriler Umgebung)
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Man guckt sich nicht mal mehr an
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Anna am Fleischwolf
Es gehe um eine Frau, die Sex mit einem Octopus habe, soll Regisseur Andrzej Zualwski, den potentiellen Geldgebern der Legende nach erzählt haben, um seinen Film finanziert zu bekommen. Nicht völlig gelogen, aber auch nicht ganz ehrlich: Das ist tatsächlich das, was im Film geschieht, aber es geht eigentlich um etwas anderes.

Nämlich das Ende der Ehe von Mark (Sam Neill) und Anna (Isabelle Adjani). Zugunsten von Marks beruflicher Karriere haben die beiden sich auseinandergelebt. Während seiner letzten Geschäftsreise hat sie sich einem Liebhaber zugewandt. Mark will das nicht einfach so hinnehmen, macht jenen Heinrich (Hein Bennent) ausfindig. Doch der zeigt sich von Marks Anliegen überrascht: Auch er habe schon länger nichts mehr von Anna gehört, sie habe ihn anscheinend ebenfalls verlassen.

Ein von Mark angeheuerter Privatdetektiv (Carl Duering) spührt Anna in einer heruntergekommenen Wohnung in einer üblen Ecke der Stadt auf. Doch mehr als die Adresse durchgeben kann er nicht mehr: Er wird von Anna erschlagen, als er deren neuen Liebhaber, ein zu diesem Zeitpunkt noch undefinierbares Glibbermonster, entdeckt! Mark und Heinrich, die beide Anna zurückhaben wollen, folgen seinen Spuren.

Doch diese vordergründige Handlung ist letztlich rein bildlich zu verstehen, ebenso wie unaufzählbar viele weitere Details, die gar nicht allumfassend wiedergegeben werden können. Grob könnte man sagen: Mark und Anna projizieren ihre Wünsche und Ängste auf echte Personen, aber auch Fantasiewesen und -begebenheiten, was mit der Zeit eben immer bizarrere Ausmaße annimmt.

Relativ eindeutig ist das noch bei der Figur der Grundschullehrerin Helen (ebenfalls gespielt von Adjani): Mark, aus dessen Perspektive die entsprechenden Szenen erzählt werden, erkennt in ihr sofort die perfekte Doppelgängerin seiner Frau, doch niemand anderes scheint überhaupt eine Ähnlichkeit zu bemerken. Eine solche Lehrerin namens Helen existiert also, aber einige der späteren Szenen mit ihr mögen durchaus Marks Fantasie entspringen.

Denn: Sie übernimmt, nachdem er von Anna verlassen wurde, unaufgefordert und in völlig unrealistischer Promptheit die Mutterrolle für Bob (Michael Hogben), den Sohn Marks und Annas. Diese Helen ist also offensichtlich Marks Vorstellung der perfekten Ehefrau. Auch im Bezug auf ihn selbst: Die beiden sprechen bereits bei ihrem zweiten Aufeinandertreffen mit einer Vertrautheit miteinander, die wirklich nur der Fantasie entspringen kann – und landen gemeinsam und nackt in Marks Bett. Wo Helen dann allerdings verständnisvoll äußert, sie müssten nicht miteinander schlafen, wenn er nicht wolle.

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Die „perfekte“ Frau: Kümmert sich ums Kind…
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…spült ungebeten fremdes Geschirr (und fragt nicht nach, woher das Blut am Messer kommt)…
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…und besteht nicht auf sexueller Befriedigung.
Was direkt zu dem plakativen Verkaufsargument des Stoffes führt: dem Monster. Mark plagen anscheinend tiefe Alpträume männlicher (sexueller) Unzulänglichkeit. Seine Anschreiwettbewerbe mit Anna kommen immer wieder schnell auf die Frage zurück, ob sie mit ihrem Liebhaber „mehr Spaß“ habe, als mit ihm. In der Person des Heinrich manifestiert sich für ihn schon ein diesbezüglich ziemlicher Alptraum: Ein hedonistischer, dominanter Macho, der vor allem sich selbst liebt. Anna bedeutet ihm überhaupt nichts, aber von ihr verlassen zu werden, das kann sein Ego nicht vertragen. Die eingebildete Helen/Anna ist somit für Mark nicht nur die perfekte Mutter und Hausfrau, sondern auch Partnerin, da zurückhaltend und bedürfnislos.

Dem Monster im Speziellen kommt damit gleich eine Doppelrolle zu: Einerseits ist es ebenfalls die Ausgeburt von Marks tiefsitzenden Ängsten; dies zeigt sich allzu deutlich, als Mark gegen Ende nach Hause kommt, und Anna, mit der er sich kurz zuvor scheinbar versöhnt hatte, sich leidenschaftlich windend in der tentakelfixierten Gewalt des nun schon gestaltvolleren Monsters ausgeliefert vorfindet. Mark ist nicht etwa geschockt oder angewidert, er versucht nicht mehr, seine Frau aus den Klauen dieses „perfekten unnachgiebigen Mannes“ zu befreien, sondern er nimmt die Sache nur in finaler Resignation zur Kenntnis und zieht davon: Damit kann er nicht konkurrieren.

Gleichzeitig ist das Monster jedoch die Projektion dessen, was Anna in der Beziehung fehlte: die ungebändigte Leidenschaft, die kompromisslose Maskulinität ihres Partners, in der sie sich fallenlassen kann. Über Anna erfährt man, und das ist vielleicht eine der Schwächen des Films, relativ wenig, da meist der männliche Blick auf die Dinge eingehalten wird. Einzige Quelle zu Annas Persönlichkeit ist eine einzige kurze Rückblende, in der sie einer Gruppe Mädchen Balletunterricht erteilt.

Hieraus lässt sich schließen, dass Anna eine Perfektionistin war, am meisten im Bezug auf sich selbst. Sie zelebrierte Selbstdisziplin und wollte Kontrolle über alles um sich herum. Desto schwere fällt es ihr nun, sich ihre „Schwäche“ einzugestehen: Von dieser Ausgeburt reiner Dominanz kontrolliert und rücksichtslos zur Extase getrieben zu werden, löst in ihr extreme innere Konflikte aus, da sie sich einerseits den damit verbundenen Glücksgefühlen nicht entziehen kann, diese Hilfs- und Wehrlosigkeit, in der sie sich damit begibt, andererseits ihrem Charakter aufs Schärfste widerspricht. Das ist somit wohl auch der Grund, warum es sich nicht etwa um einen wie auch immer charakterisierten menschlichen Mann, sondern eine zutiefst ekelhafte Projektion dieser Wünsche handelt: Anna ekelt sich vor sich selbst, kommt aber trotzdem nicht los. Erst ganz am Ende scheint es ihr zu gelingen, das vormalige Monster in die ihre in allen Belangen perfekte (da dann repräsentable, also nicht mehr geheimzuhaltene) Wunschprojektion eines Ehemannes (dann gespielt von Neill) zu formen – doch es ist sowohl für Mark, als auch sie bereits zu spät, sie kommen aus der Spirale dessen, was ihnen in den vorigen Wochen widerfahren ist, nicht mehr heraus.

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Die wirkliche Ehefrau ist streitsüchtig…
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…„pervers“…
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…und… ohne Worte!
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Kaum zu glauben, was heutzutage alles als FSK16 durchgeht
Filmisch wird das, wie man nach dieser Beschreibung vermuten mag, auf äußerst schrille Weise umgesetzt. Der Film ist abgrundtief eklig, und nicht nur, wenn dieses Monster auftaucht. Es wird viel mit Grenzen (Schauplatz Berlin, Türen und sonstige optische Hindernisse), Distanz vermittelt durch Schärfeunterschiede und voneinander abgewandte Charaktere sowie Gegensätze paralleler Schauplätze (die ehemalige gemeinsame Wohnung, in der nun Mark lebt, und Annas neue Wohnung) gearbeitet. Jedes Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten besteht zum Großteil aus für den Zuschauer äußerst unangenehm nah aufgenommenen lautstarken Streitigkeiten, bei denen sie sich Dinge auf völlig unterschiedlichen Ebenen an den Kopf werden – es ist offensichtlich hoffnungslos und man steht mitten dazwischen!

Ganz ähnlich geht es einem in der bereits erwähnten Balletszene: Anna rückt dem Mädchen, das nicht das leistet, was sie verlangt, unangenehm dicht von hinten auf die Pelle, spreizt ihre Beine und die Kamera zoomt auf die Gesichter der beiden, während das „Opfer“ schmerzverzerrt Stöhnlaute von sich gibt. Eine unverkennbare Pornoästetik, die man in diesem Kontext lieber nicht erlebt hätte. Höhe- bzw. Tiefpunkt des beabsichtigten Ekels ist dann zweifellos die Szene im einsamen U-Bahntunnel, in dem Anna eine Fehlgeburt erleidet (?): Nach gefühlt minutenlangem Herumtoben bricht sie zusammen und, sagen wir es mal so, der Schaum, der ihr aus dem Mund tritt, macht nur einen Bruchteil der Gesamtflüssigkeit aus, die sie in dieser Szene verliert – was das wohl nun wieder bedeuten soll?

Was allerdings dann auch gleich zu den schauspielerischen Leistungen überleitet. Wieso zum Teufel besetzt irgendjemand Isabelle Adjani (die zu allem Überfluss auch noch Preise für diesen Film abräumte)? Sie pendelt zwischen völliger Ausdruckslosigkeit, wie man es aus den meisten ihrer Filme kennt, dreht dann aber unvermittelt soweit auf, dass man sich dem Fremdschämen kaum mehr erwehren kann. Manchmal mögen diese intensiven Ausmaße angebracht sein, aber ganz bestimmt nicht so. Neill ist dagegen sehr sehenswert, er trifft in jeder Szene den notwendigen Ton. Was nicht bedeuten soll, dass er sich in irgendeiner Weise zurückhält; im Gegenteil.

Possession ist somit die Antithese des passenden Films für einen gemütlichen Abend. Das Zuschauen fällt schwer, das Wegschauen aber auch; wahrscheinlich, weil man trotz aller Plakativität der Darstellung versteht, dass da mehr Wahres drinsteckt, als man selbst wahrhaben möchte. Und das Schönste daran ist eigentlich, dass trotz der Plakativität die Aussagen und Symbole eben trotzdem nicht trivial erschließbar sind. Sowas schwingt gedanklich nach, für Wochen, Monate oder sogar Jahre!

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