Der vierte Mann


Originaltitel:
De vierde man
Jahr:
1983
Eingetragen:
09.04.2013
IMDB-Wertung:
7,2/10

Die erste Konnotation mit dem Titel ist natürlich Der dritte Mann, doch was soll uns diese Verbindung wohl sagen? Mit dem Klassiker hat Paul Verhoevens Der vierte Mann herzlich wenig gemeinsam – schon befindet man sich als Zuschauer auf dem Glatteis.

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Scheinbar verführerische Aussichten – Gerard versucht sich nicht anmerken zu lassen, dass es für ihn eher Arbeit bedeutet
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Schnipp!
Vielmehr bezieht sich der Titel auf den Lebensverlauf der „Femme Fatale“ Christine (Renée Soutendijk), wohlhabende Inhaberin eines Schönheitssalons in der niederländischen Provinz, deren bisherige drei Ehemänner allesamt bei seltsamen Unfällen ums Leben gekommen sind. Im Rahmen eines von ihr organisierten Vortrags Gerard Rèves (Jeroen Krabbé) verführt sie den von prophetischen Alpträumen geplagten Schriftsteller. Gerard, eigentlich homosexuell, lässt sich eine Weile lang existiell von ihr aushalten. Längerfristig bleibt er jedoch nur, weil er Christines anderen Liebhaber, den jungen Handwerker Herman (Thom Hoffman) im Auge hat. Doch je länger er bleibt, desto unheimlicher wird Gerard die Sache: Hat Christine ihre bisherigen Männer vielleicht umgebracht und ist sie jetzt auf der Suche nach dem „vierten Mann“, den ein ähnliches Schicksal ereilen soll?

Verhoeven inszeniert die eigentlich recht einfache Geschichte als symbolisch fast schon überfrachtetes Psychodrama: In jedem Bild erspäht man bedeutungsvolle Kleinigkeiten in der Form von Gegenständen, Schriftzügen oder Gesichtern mindestens im Hintergrund. Ob es nun die Charakterisierung Christines als „schwarze Witwe“ durch den defekten Schriftzug ihres Geschäftes, der „Spin“ (Spinne) statt „Sphinx“ zeigt, die immer wieder auftauchenden Leichwagen und Särge mit vieldeutig verknickten Schleifen sind oder die immer wiederkehrenden rein optischen Reize sind: Hier geht offensichtlich mehr vor sich, als explizit gezeigt wird.

Eine ganz besondere Rolle spielt dabei der tiefe Katholizismus der Figur Gerards. Seine Ängste zeigen sich ebenso wie seine Hoffnungen in biblischen Formen. Erstere insbesondere verkörpert durch das Kastrationsmotiv des Haareschneidens (Samson und Delila), letztere durch eine – immer wieder in anderen Rollen, aber durch ihre blaue Kleidung wiedererkennbare – immer wieder auftauchende mysteriöse Frauengestalt.

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Noch ein Hochzeitsvideo?
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Drei Urnen im Vordergrund – wer wird der vierte Mann?
Der fast schon rein symbolischen Erzählung entsprechend bleibt permanent offen, wie viel sich eigentlich nur in Gerards Kopf abspielt; verwertbare Hinweise für oder gegen Christines angeblich mörderische Natur gibt es tatsächlich überhaupt keine. Hier zeigt sich wohl auch der Hauptunterschied dieses Produkts des europäischen Kinos gegenüber oberflächlich-thematisch ähnlich gelagerten Hollywoodproduktionen: Auch ohne explizite thrillerartige Geschehnisse wird es spannend genug – vielleicht sogar noch spannender!

Dazu ist positiv zu vermerken, dass die Inszenierung desjenigen Expliziten, das stattdessen gezeigt wird, ebenfalls mit sicherer Hand gelungen ist. Auch im Handeln Gerards selbst gilt das, was er später Christine unterstellt: Nichts ist, wie es scheint. Dass dein „Plan“, sie Herman einladen zu lassen, um den durchtrainierten Jüngling, den er nur vom Foto kennt, kennenzulernen, für sie völlig durchschaubar ist, müsste ihm klar sein, doch beide erhalten den Schein aufrecht. Interessant auch die Szene, in der Herman dann tatsächlich die Handlung betritt: Gerard wird aus Christines Schlafzimmer ausquartiert, dorthin zieht sie sich nun in eindeutiger Intention mit Herman zurück, während ersterem nur der Blick durchs Schlüsselloch bleibt. Inszeniert also wie die klassische Demütigungsszene, in der der alte Liebhaber durch einen jüngeren ersetzt wird, jedoch durch völlig anderem interpretatorischen Hintergrund gebrochen.

Allen in Allem heißt das also: Ungewöhnliche werden mit gewöhnlichen, aber umgedeuteten Szenen in einer Weise gemischt, die man einfach bewundern muss, denn sie zeigt sowohl Wissen um Konventionen, als auch Können, diese zu seinen ganz eigenen Zwecken einzusetzen. Und genau so entstehen ganz eigene, kraftvolle Visionen.

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