James Bond 007: Skyfall


Originaltitel:
Skyfall
Jahr:
2012
Eingetragen:
05.05.2013
Bearbeitet:
06.05.2013
IMDB-Wertung:
7,7/10

Das angebliche 50-jährige Jubiläum der James-Bond-Filmreihe versüßten sich die Geldgeber (und damit -nutznießer) mit einer Milliarde US-Dollar Einnahmen an den Kinokassen und neben den Zuschauern spielte auch die Kritik mit: Skyfall wurde recht einhellig gelobt und zum ersten Mal seit den 60er Jahren wurde man sogar mal wieder bei der Oscar-Verleihung bedacht! Doch bei allem Enthusiasmus muss man sich immer erinnern, dass alle solcherlei Rekorde im Jahr 2012 häufig entscheidend kurzlebiger sind, als es vor 50 Jahren entsprechend gestaltete.

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Bond generiert selbst beim Herumgammeln signifikante Sponsoringprofite

Inszeniert wird in Skyfall der Abschied Judi Denchs als M, die diese Rolle immerhin seit Mitte der 90er Jahre verkörpert hatte und damit die einsame Stammhalterin der Kontinuität zwischen der Ära Pierce Brosnans und Daniel Craigs in der Titelrolle darstellte. Ein ehemaliger britischer Agent namens Silva, oder auch Rodriguez (Javier Bardem), der in den 80er Jahren in Gefangenschaft der chilenischen Militärdiktatur geraten war, will persönliche Rache an ihr, da sie ihn damals „aufgegeben“ hatte, also keine Anstrengungen unternommen hatte, ihn wieder zu befreien. Wieso er mit der Ausführung des Racheplans gut 20 Jahre gewartet hat, bleibt im Dunkeln, ebenso wie man die Antwort auf die Frage schuldig bleibt, wieso Denchs M in den 80er Jahren bereits für solche Entscheidungen verantwortlich gewesen sein soll, obwohl Robert Brown zu jener Zeit ja noch jene Rolle spielte – aber, gut, zu viel Kontinuität darf man bei einer so langen Reihe über einen einigermaßen alterslosen Agenten wohl wirklich nicht erwarten.

Was nur irritiert ist, dass dieser Bruch ohne Not geschieht: Ebensogut hätte der spätere Bösewicht in einem beliebigen modernen „Schurkenstaat“ unter die Räder kommen können und es hätte seiner Motivation keinen Abbruch getan. Ein wohl nur mit Desinteresse an der eigenen Reihe zu begründender fahler Beigeschmack, der sich leider bis in viel zentralere Motive des Drehbuchs zieht. Denn dessen eigentlicher Konflikt ist gar nicht der vordergründige Kampf gegen den durchgedrehten Ex-Verbündeten (dessen Rolle um Einiges wirkungsvoller wäre, handelte es sich um eine Figur, die tatsächlich mal in einem früheren Film als Bonds Verbündeter aufgetreten wäre), sondern es ist der Kampf der alten Kräfte des britischen Geheimdienstes, verkörpert durch M und Bond, ums Überleben in einer sich grundlegend veränderten Welt.

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M hat bereits den Tod zahlloser Agenten auf dem Gewissen (damit es auch der letzte Depp kapiert, wird es ca. zehnmal eingehämmert)

In Regierungskreisen hat sich die Ansicht breitgemacht, dass in Zeiten des organisierten, aber nicht staatlich motivierten Terrorismus das Spionagegeschäft an sich überholt sei. Auf diese modernen Bedrohungen sei die überkommene Organisation des MI6 nicht mehr die richtige Antwort. Entsprechend schwingt hier eine gewisse Altherrenmelancholie mit: Craig, der eigentlich gefühlt die Rolle gerade erst übernommen hat, muss nun bereits den laufender Anachronismus, der sich noch einmal aufrafft, und es trotz deutlicher Alterungszeichen doch nochmal allen zeigt, sich gleichzeitig aber erfreulich adaptiv mit den technischen Mitteln und Methoden einer neuen Generation arrangiert, geben.

Nur, und damit ist man wieder bei der Frage Kontinuität, wieviel Sinn ergibt diese Interpretation der Rolle Bonds? Vordergründig sicherlich einigen; bereits in Goldeneye wurde ihm explizit vorgehalten, ein „Dinosaurier“, ein „Relikt des Kalten Krieges“ zu sein, das am besten schnellstens in Rente geschickt gehöre. Welche Figur war es nochmal, die ihm dies an den Kopf schleuderte? Richtig, es war Judi Dench als M! Skyfalls zentrales Handlungsmotiv basiert nun jedoch darauf, dass eben jene M und Bond sich praktisch als „letzte Mohikaner“ gegen eine neue, übertechnisierte Welt moderner Spionage stemmen. Das hätte man bestens erklären können, indem man gezeigt hätte, dass Bond und M in den knapp 20 Jahren gemeinsamer Arbeit tiefen gegenseitigen Respekt und Vertrauen, wie er in diesem Film gezeigt wird, aufgebaut hätten. Ms langsame Transformation von der „bösen Königin der Zahlen“ (was ja exakt die Antithese ihrer Rolle in diesem Film entspricht) zu einer eher durch Bonds Perspektive geprägte Sichtweise und im Gegenzug auch Bonds Annäherung an die multipolare Welt nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hätte ein interessantes Thema ausmachen können, doch eben genau dies wird nicht einer einzigen Silbe gewürdigt – stattdessen fällt dieser Zustand am Anfang des Films einfach vom Himmel.

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Gleich springt Der Mann mit dem Goldenen Colt aus seinem Versteck!

Doch wie sieht es mit der immanenten Logik des Drehbuchs aus? Da gibt es einen Bösewicht, der sich von Bond absichtlich, als Teil seines Plans, gefangennehmen lässt, doch inwiefern hilft dies eigentlich seinem Plan? Überhaupt nicht, denn eben jener völlig unspektakulärer Plan läuft letztlich nur darauf hinaus, M bei der Anhörung in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu erschießen – was er viel einfacher hätte durchführen können ohne den vorigen völlig absurden Fluchtplan aus dem Hochsicherheitstrakt des Geheimdienstes, der zu allem Überfluss auch noch rein darauf fußt, dass „Computergenie“ Q (Ben Whishaw) den unbekannten Laptop des Häftlings dergestalt analysieren will, dass er ihn an das interne Geheimdienstnetzwerk anschließt und einfach mal anstellt!

Überhaupt kommen bei dem IT-Verständnis der Drehbuchautoren, die leider solcherlei Themen sehr entscheidende Relevanz im Fortgang der Handlung einräumen, böse Erinnerungen an solche diesbezüglichen Totalausfälle der Qualität des „Virenuploads auf außerirdische Raumschiffe“ in Independence Day auf. So muss man solche „Perlen“ wie „Jemand versucht gerade, die gestohlene Festplatte zu dekodieren. Wir verfolgen das Verschlüsselungssignal.“ (Wie bitte?), „Es existieren Sicherheitsprotokolle, die den Speicher löschen, sobald man versucht, gewisse Dateien zu öffnen. Nur ungefähr sechs Menschen auf der Welt können so etwas programmieren.“ (Standardfeature in zahlreichen frei verfügbaren Verschlüsselungsprogrammen) oder einem durch den angeblich so genialen Bösewicht im Binärcode hardkodierten Schlüssel ertragen, die jedesmal selbst bei fachlichen Laien eigentlich ein unangenehmes Schütteln auslösen müssten.

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Bond erhebt das Glas auf die vergangenen 50 Jahre

All das ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs. Es wäre eventuell alles zu verschmerzen, könnte Skyfall emotional so weit mitreißen, dass das Gehirn bei der Gesamterfahrung des Anschauens keine große Rolle mehr spielte. Optisch und stilistisch gibt man sich diesbezüglich einige Mühe, beispielsweise wenn Bond einen Auftragskiller (Ola Rapace) ausschalten muss, und das vor interessanten Spiegelungen und Lichtreflektionen diverser gläserner Wolkenkratzer stattfindet, während die Personen nur als dunkle Silhouetten umherhuschen, was man hochgestochen eventuell sogar als Externalisierung Bonds inneren (aufgewühlten) Zustands interpretieren könnte. Doch meist bedeuten die aufwändigen Aufnahmen in ihrer kühlen Techno-Ästhetik leider nichts.

So kommt man zurück auf den Inhalt, und da entwickelt Skyfall leider kein entscheidendes Eigenleben. Vielmehr wirkt der Film wie ein „Best Of“ diverser bekannter Motive. Kurz zuvor hatte man im britischen Fernsehen (Sherlock: Der Reichenbachfall) eine beinahe identische Szene gesehen, in der sich der Oberbösewicht absichtlich verhaften ließ und er in einen Glaskäfig gesteckt wurde, nur um dann wieder auf spektakuläre Weise zu entfliehen; nur hatte es dort im Gesamtkontext der Handlung Sinn ergeben, seine Motivation wurde im Rückblick klar. Britische Behörden verlieren gerne mal Datenträger mit Massen an persönlichen Daten – nicht nur in den Medien ist das breitgetreten worden, sondern auch in der Fiktion wurde dies bereits zu Tode parodiert. Der Bösewicht als „dunkles Spiegelbild“ des Helden – da gibt es zu viele Beispiele, um sie alle zu nennen, von denen die meisten dieses Motiv wirkungsvoller entfalten. Einen alten Actionhaudegen mit einer jungen Generation (hier der neue Q) zusammenarbeiten zu lassen, hatte man bereits im vierten Stirb Langsam mit mäßiger Sinnhaftigkeit. Apropos Stirb Langsam: Das gesamte Motiv des alternden Actionhelden, der nochmal ran muss (das mit Plattheiten wie „Ein altes, stolzes Kriegsschiff wird auf den Schrottplatz geschleppt“ und „Ein Sturm zieht auf“ verbal „versüßt“ wird), erlebt momentan ja ohnehin ein großes Revival mit all den altbekannten „Helden“ im Kino – wodurch Skyfall sich interessanterweise eher in eben jene Tradition des US-Actionkinos stellt, als der James-Bond-Reihe selbst.

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Werden die nächsten 50 so aussehen?

Fans letzterer werden jedoch trotzdem nicht vergessen: Im zweiten Akt darf Bond nach Macao reisen, dort ein Spielcasino besuchen, einen geschüttelten Drink genießen und er trifft dort sogar auf einen Domino-Verschnitt (Bérénice Marlohe) inklusive Jacht und Rachegelüsten gegenüber dem Bösewicht, von dem sie andererseits abhängig ist, die jedoch prompt nach Ende dieser Szenen auch schnell wieder mit großer Endgültigkeit entsorgt wird. Überhaupt wirken diese wenigen Szenen sehr demotiviert abgespult: Man erfüllt hier eine wohl lästige Pflicht und möchte erkennbar schnell wieder auf die eigentliche Sache zurückkommen.

Doch wenn diese mal funktionieren würde! Der Konflikt des alten Spionagegeschäfts im Zeitalter kommerziellen Terrorismus wird nicht zu Ende gebracht, ja streng genommen noch nicht mal richtig angefangen, da Silva/Rodriguez (wieso zum Teufel wird eigentlich so viel Aufhebens um dessen zwei Namen gemacht?) ja ebenfalls explizit als Produkt der „alten Welt“ charakterisiert wird. Eigentlich hat Skyfall also, scheinbar unbeabsichtigt, viel mehr mit Pat Garrett jagt Billy the Kid, wo ebenfalls zwei Relikte einer bereits verblassenden alten Welt von den neuen herrschenden Kräften aufeinandergehetzt werden, um sich gegenseitig zu vernichten, zu tun, als eben dem vielbeschworenen Aufeinandertreffen mit einer sich wirklich veränderten Welt. Diesbezüglich darf man wohl auch in zweifellos folgenden Filmen nicht hoffen, wenn man das Ende richtig interpretiert: Dort wird nämlich wieder eben jene alte Welt zelebriert, als der wieder rehabilitierte Bond die auf „retro“ gemachten Büroräume des neuen M (Ralph Fiennes), inklusive einer gepolsterten Tür und einer neuen Miss Moneypenny (Naomie Harris), betritt. Die parlamentarischen Bedenken zur Sinnhaftigkeit? Anscheinend implizit vom Tisch gewischt, wobei man sich fragt, wodurch eigentlich.

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Im Aston Martin auf dem Weg in die schottische Heimat

So ist es mit dem finanziellen und kritischen Erfolg in der heutigen Kinowelt. Selbst das zehn Jahre später als Totalausfall anerkannte Stirb an einem anderen Tag wurde seinerzeit von der Kritik gefeiert und spielte absurde Geldsummen ein. Die Ernüchterung kam erst später. Eine derartige Vollkatastrophe ist Skyfall keinesfalls; es wird sich wohl so im anschaubaren, aber unwichtigen unteren Mittelfeld einpendeln, da es eben auch nicht mehr als unentschlossenes Stückwerk ist, das sich hier und da motivisch bedient, dadurch ein paar neue Wege zu beschreiten scheint, jedoch nicht dem Mut aufbringt, diese Motive wirklich konsequent zu verfolgen und so die Filmreihe neu zu erfinden. Langfristige Anerkennung haben diejenigen Bond-Filme erlangt, die sich auf ihre jeweils eigene Weise im Gedächtnis festgesetzt haben und nicht nur im kurzen Moment durch Oberflächligkeiten beeindruckten – ob das nun in Form von Albernheiten wie „Beißer als Weltraumkolonist“, besonders ausgefuchste Pläne der Bösewichte oder die Figuren der Bösewichte selbst geschah. Was das in Skyfall sein soll, wird sich zeigen müssen. An manchen Stellen (z.B. „Sieh dir an, was du erschaffen hast, Mutter!“) wünscht man sich verzweifelt mehr Selbstironie, dann aber wieder, dass selbst angesprochene Themen auch mal bitte ernsthaft verfolgt werden sollten (Bonds Vergangenheit – was sagt das denn nun über ihn aus, wie hat ihn das geprägt?). All diese Wünsche jedoch in einem Film zu vereinen, dazu wären wohl nur ganz wenige Autoren und Regisseure, die wirklich außergewöhnliche Fähigkeiten, solch widerstrebende Tendenzen zu konsolidieren, besitzen müssten, fähig. Oder man macht als nächstes einfach wieder mal einen weiteren Film, der einfach überhaupt keinen Bezug auf die bisherigen Vorgänger nimmt, was zweifellos an der Kasse genausogut (oder besser) funktionieren würde.

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