Und erlöse uns nicht von dem Bösen


Originaltitel:
Mais ne nous délivrez pas du mal
Jahr:
1971
Eingetragen:
24.05.2013
IMDB-Wertung:
6,8/10

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Das geheimes Tagebuch gehört selbstverständlich auch dazu
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Mit dem Erwachsenwerden ist das so eine Sache. Langsam sollte ein selbstbestimmtes Leben beginnen, doch woran soll man sich bloß orientieren? Autoritäten wie Eltern und Lehrer kommen schonmal per Definition nicht in Frage. Und so richtig ernst wird man im Kreise jener richtigen Erwachsenen ja sowieso noch nicht genommen. In gewisser Weise könnte man diesen Schwebezustand also als Narrenfreiheit bezeichnen.

Anne (Jeanne Goupil) und Lore (Catherine Wagener), Töchter gutbürgerliger bzw. stinkreicher, adliger Familien, erleben als Insassinnen einer Klosterschule so Einiges, was sie von dieser Welt der vorgeblich so ernsten und seriösen Welt der Erwachsenen distanziert. Ob es die befremdlichen Gewohnheiten der Nonnen hinter verschlossenen Türen oder die Priester, die sich nur allzu gern detaillierte (frei erfundene) Beichten der Mädchen anhören. Die Eltern (Véronique Silver und Jean-Pierre Helbert sowie Nicole Mérouze und Henri Poirier) geben sich dagegen genau entgegengesetzt: bewusst distanziert bis desinteressiert.

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Blasphemische Spielchen
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Als Annes Eltern für zwei Monate (ohne Tochter) in den Urlaub fahren, können die beiden ihre Sommerferien ganz nach dem eigenen Gusto gestalten. Während sie einerseits – als selbsternannte Dienerinnen Satans – in der Kapelle des Anwesens ein dunkles Ritual vorbereiten, vergnügen sie sich zwischendurch damit, fiese Streiche auszuhecken, mit der sie die Dorfbevölkerung terrorisieren. Ob es die geliebten Vögel des Gärtners (Michel Robin) sind, die dran glauben müssen, eine Kuhherde von der Weide entführt wird oder gleich mal eine ganze Scheune in Brand gesteckt wird – die beiden haben ihren Spaß (auf Kosten anderer). Als sie jedoch einen Mann (Bernard Dhéran) mit einer Autopanne über Nacht mit nach Hause nehmen, gerät die Sache außer Kontrolle; langsam müssen die beiden erkennen, dass ihre Taten sehr wohl Konsequenzen haben und die Spirale in den Abgrund ist nicht mehr aufzuhalten.

Auch wenn im Zentrum der Geschichte zwei junge Teenager (trotz des fortgeschrittenen Alters der Darstellerinnen optisch sehr überzeugend) stehen, wendet sich der Film wohl eher an eine Generation zwischen diesen Protagonistinnen und dem Establishment, das eben nicht allzu gut wegkommt.

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Stellvertretend für die Zuschauerschaft…
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…darf ungläubig geguckt werden.
Wenn die beiden ihre scheinbar harmlosen, kindlichen Streiche aushecken und zu den Klängen eines Kinderliedes durchziehen, dann wirkt dieses Spannungsfeld dadurch nur noch stärker. Die ultimative Provokation liegt jedoch in dem Spiel mit dem Spiel mit dem – bis heute – letzten gesellschaftlichen Tabu: Heranwachsende nicht als Opfer, sondern sexuell selbstbestimmt und sich ihrer diesbezüglichen Macht bewusst? Das darf nicht sein!

Doch bei allem verdienten Lob für die schön erzählte Freundschaftsgeschichte zwischen den Mädchen, die sich unter dem kalkulierten Provokationsteppich entspinnt, schleicht sich mit der Zeit langsam das typische Übersättigungsgefühl des französischen Kinos ein: Zu bedeutungsschwanger ist so manche Einstellung, so manche Szene; zu bemüht ist man, Seitenhiebe auf die „Abgründe der spießbürgerlichen Gesellschaft“ zu verteilen. Insbesondere das Ende wirkt so schon beinahe wie ein schlechtes Cliché des pseudoanspruchsvollen Kunstfilmes. Was insofern schade ist, dass es die tatsächlich streckenweise vorhandenen Tiefen beinahe überdeckt.

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