Paroxismus


Originaltitel:
Venus in Furs
Jahr:
1969
Eingetragen:
24.08.2013
IMDB-Wertung:
5,8/10

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Die High Society: leblose Schaufensterpuppen
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Nur Göttin Wanda sticht heraus
Wenn man wie Jess Franco hunderte Spielfilme drehen will, dann muss man sich in seinem Leben ranhalten. Kaum überraschend, dass da die Qualität leider allzu häufig auf der Strecke blieb. Doch die eine oder andere Perle findet sich trotzdem im Gesamtwerk des Besessenen. Sein vielleicht bester Film: Paroxismus – wobei auch dieser natürlich Nischenware ist.

Franco lässt hier die Geschichte vom Protagonisten, dem Musiker Jim (James Darren) erzählen. In seiner Wahlheimat Istanbul arbeitete er in einem Club, durch dessen Tür eines Abends Wanda (Maria Rohm) schritt: Gehüllt in einen eleganten Pelzmantel und für den kleinen Trompeter unerreichbar; sie verschwindet stattdessen mit dem Millionär Ahmed (Klaus Kinski) im Hinterzimmer. Wie hypnotisiert sieht Jim tatenlos mit an, wie dieser gemeinsam mit zwei anderen Mitgliedern der High Society (Dennis Price und Margaret Lee) Wanda sexuell motiviert abschlachten. Wenig später wird ihre Leiche bei Jims Strandhaus angespühlt – mit sichtbaren Wunden und blau angelaufen, offensichtlich leblos, aber für ihn beinahe sogar noch attraktiver als vorher.

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Die Inkarnation physischer Attraktivität
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Ihre Passivität stört Jim nicht, solange er Wanda nur nahe sein kann
Wanda wird beerdigt und Jim hält nun nichts mehr in der Stadt. In Rio de Janeiro will er vergessen. Gerade als ihm das mit Hilfe der Sängerin Rita (Barbara McNair) ansatzweise zu gelingen scheint, betritt Wanda seinen neuen Arbeitsplatz. Jim mag zwar seinen Augen kaum trauen, doch er kann nicht widerstehen und beginnt eine Affäre mit dem seltsam entrückten Abbild seiner verzweifelten Träume. Doch nicht nur er wird von dieser Wanda heimgesucht: Auch den die drei Mörder werden von ihr einer nach dem anderen in den Tod getrieben.

Praktisch ohne Verklausulierung geht es hier also um einen Mann, der so sehr von einer Frau, oder besser gesagt, da er die echte Wanda ja niemals kennengelernt hat, deren selbsterdachten Idealbild besessen ist, dass es explizit nekrophile Züge annimmt. Dies inszeniert Franco sehr gelungen dergestalt, dass auch die wiedergehrte Wanda meist in Posen ohne jegliche Körperspannung zu sehen ist: Wie eine Leiche, oder zumindest schlafend liegt sie bewegungslos in Sesseln oder auf Betten, wird bei einer Autofahrt hin- und hergeschleudert oder von anderen Leuten so hindrapiert, wie diese es gerade wollen und ohne dass sie irgendeine Reaktion zeigt.

Und wenn sich dann Eigenbewegung dann doch mal nicht vermeiden lässt, dann bewegt sich Maria Rohm langsam, traumwandlerisch und immer mit absolut teilnahmslosem Gesichtsausdruck durch die Szenen. James Darren spielt ebenfalls durchaus adäquat auf dem von ihm bekannten Fernsehniveau, wenn er es natürlich auch nicht schafft, die Verzweiflung seiner Figur immer subtil darzustellen, sondern leider manchmal auf flackernde, nach oben gerichtete Blicke und sonstige übertriebene Körpersprache zurückgreift. Alle anderen Personen machen ihre jeweilige Sache gut, allerdings hat keiner dieser Charaktere entscheidenden Status.

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Von Verfremdungseffekten umringt lässt sich Wanda auch von anderer Seite bei einer Party betatschen
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Jim weiß nicht mehr, was Wirklichkeit ist
Francos kostensparende Inszenierung zeigt sich in der gnadenlosen Mehrfachverwendung zahlreichen Materials. Szenische Aufnahmen der beiden Handlungsstädte werden großzügig immer wieder einmontiert. Nahaufnahmen der Charaktere sind unabhängig von der Szene, in der sie entstanden sind, auch anderswo mal wieder eingesetzt. Zwischen Darren und Rohm gibt es exakt eine Bettszene, die aber ebenfalls mehrfach eingesetzt wird – aber nicht als Erinnerung des Protagonisten, was Sinn ergäbe, sondern es sollen wohl schon immer andere Szenen sein. Doch im Schwall all der erzählerischen und optischen Verfremdungseffekte macht das sogar gar nicht mal ernsthaft etwas. Von vornherein ist ohnehin klar, dass es sich um eine völlig subjektive Erzählung, die mindestens zu Teilen ohnehin nur im Kopf des dem immer mehr in den Wahnsinn abrutschenden Protagonisten stattfindet, handelt.

Doch der eigentliche Grund, dass Paroxismus zu Recht immer wieder als Franco-Highlight gehandelt wird, ist ein anderer. Ihm gelingt es, durch die Erzählweise, die Figur Darrens bestmöglich zur Projektionsfläche der Zuschauer zu machen. Die völlige Obsession wird nicht auf intellektueller, sondern emotionaler Ebene vermittelt und damit nachvollzieh- und mitfühlbar. Eine Frau, von der man weiß, dass es sich eigentlich um eine Leiche handelt, attraktiv zu inszenieren ist nicht einfach. Mit einfachen Mitteln und eben Dank Rohms Fähigkeit, mit minimalster Mimik und Gestik zu arbeiten, gelingt dies viel besser als man es sich zu träumen erhofft hätte. Und so ist dies ein absolut sehenserter Film geworden!

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