Ein Kuss vor dem Tode

Poster
Originaltitel:
A Kiss before Dying
Jahr:
1956
Eingetragen:
09.04.2013
IMDB-Wertung:
6,7/10
TMDB-Wertung:
6,7/10


Hannes schreibt:

Der Kuss vor dem Tode von Ira Levin ist ein beinahe perfektes Beispiel für eine dramatische Drei-Akt-Struktur. Als besonderen Kniff teilt er die Figur der Protagonistin jedoch in drei letztlich äquivalente Charaktere auf: Die erste Schwester wird in der Exposition ermordet, die zweite stellt im Entwicklungsakt Ermittlungen an und kommt der Wahrheit sehr nahe, scheitert dann aber trotzdem und schließlich übernimmt die dritte Schwester, es klärt sich alles, doch trotzdem mit katastrophalen, lebenszerstörenden Auswirkungen.

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Bud bereitet sich systematisch vor

Einzig im letzten Akt zeigt sich eine gewisse Schwäche, da dem Autoren anscheinend der Mut fehlt, diese Abfolge der Protagonistinnen konsequent zu Ende zu führen: Vielleicht zeitbedingt (50er Jahre) muss auch Marion, nachdem ihre Schwester im zweiten Akt mit großer Unabhängigkeit glänzen durfte, als Opfer herhalten und die Heldenrolle kommt stattdessen einem höchst männlichen Ritter zu. Doch davon abgesehen erlaubt siese prinzipielle Dreiteilung eine weitere erzählerische Besonderheit: Da der Bösewicht, der im ersten Akt niemals namentlich genannt wird, kann er im zweiten Akt als normaler Charakter auftreten, ohne dass der Leser sofort eine Verbindung herstellt, und die Enthüllung so desto schockierender ausfallen kann.

Dies ist jedoch ein Stilmittel, dass stark medienspezifisch ist. Eine Identität in einem Film gegenüber den Zuschauern geheim zu halten, geht nur über Umwege. Man könnte mit verkleideten Charakteren arbeiten, doch das geht meist schief und vor Allem gäbe es in dieser Geschichte dazu keinerlei Anlass. Ansonsten könnte man den Weg von Die schwarze Natter beschreiten, d.h. anfangs die entsprechenden Szenen aus dem expliziten Blickwinkel des fraglichen Charakters zeigen, doch das wäre dann schon wieder eine so starke Stilisierung, dass es eventuell zu viel Aufmerksamkeit auf die Frage eben dieser Identität fokussieren würde – die Beiläufigkeit des Romans, mit der der Name des Täters nie genannt wird, ginge verloren. So versucht diese Verfilmung gar nicht erst, diesem schwierigen Anspruch gerecht zu werden, sondern beschreitet stilistisch bewusst eigene Wege: Der Mörder wird von vornherein in den Mittelpunkt gestellt – die Faszination des Bösen soll's richten.

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Dorothy wähnt sich auf dem Dach in Sicherheit

Robert Wagner spielt den berechnenden Mitgiftjäger Bud, der als seine Pläne nicht ganz so laufen wie geplant zum Mörder seiner Mitstudentin Dorothy (Joanne Woodward), Tochter eines stinkreichen, aber sittenstrengen Kupferindustriellen (George Macready), wird. Dabei folgt der Film dem aus dem Roman bekannten ersten Akt sehr eng: Zahlreiche Szenen sind direkt übernommen, selbst für scheinbare Kleinigkeiten nimmt man sich Zeit.

Gleichzeitig beginnen damit aber auch die Probleme, denn derart detailliert in Bilder übertragen dauert es bereits eine knappe Stunde bis zum Mord, also eigentlich erst dem Ende des ersten Aktes. Um Zeit zu sparen, wird die auf den ersten Blick sicherlich sinnvolle Entscheidung getroffen, die Figuren Marions und Ellens (Virginia Leith), also der Schwestern, zusammenzulegen und quasi nur noch ein „Best Of“ ihrer kombinierten Szenen zu bieten.

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Ellen ermittelt auf eigene Faust und gerät in Gefahr

Doch so logisch dies wirken mag, so sehr zehrt es doch an der eben eigentlich auf die klassische Drei-Akt-Struktur ausgelegte Materie. Dass man sich diese mal überlegt hatte, war ja kein Zufall: Sie stellt eine sinnvolle erzählerische Balance dar. Ob man es nun so explizit wie Levin macht oder, wie eigentlich in der Moderne üblicher, etwas verbrämt: So hat es sich bewährt und wird es immer wieder gerne aufgegriffen.

So kann man vielleicht noch nach dem Mord an Dorothy von einer steigenden Zuspitzung sprechen, doch aus Zeitmangel fällt dann das Ende für die beteiligten Charaktere wie auch die Zuschauer mehr oder weniger vom Himmel. Und sowas wirkt dann schnell antiklimaktisch und unbefriedigend – schade, denn der Wille war wohl wirklich vorhanden.

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