Sliver

Poster
Originaltitel:
Sliver
Jahr:
1993
Eingetragen:
29.07.2013
Bearbeitet:
05.12.2013
IMDB-Wertung:
5/10
TMDB-Wertung:
5,4/10


Hannes schreibt:

Es kann immer viel schiefgehen. Mochte Sharon Stone auch gerade mit dem scheinbar ähnlichen Stoff Basic Instincts, ebenfalls aus der Feder Joe Eszterhas', zum großen Star geworden sein und mögen Verfilmungen der Romane Ira Levins auch beinahe immer zu großen Erfolgen geworden sein – eine Garantie für Sliver ist das alles nicht.

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Abwärts

Los geht es in diesem Film allerdings erstmal ohne Stone, wobei man schon zweimal hinschauen muss, um sicherzugehen: Naomi Singer, gespielt von Allison Mackie, und damit beinahe eine Doppelgängerin der späteren Protagonistin, wird vom Balkon eines Hochhauses gestoßen. Die Perspektiven und Einstellungen sowie das Doppelgängermotiv erinnern sofort an die damals noch frisch in der Erinnerung sitzende, aber kommerziell gescheiterte Levin-Verfilmung Der Kuss vor dem Tode. Man erwartet also, dass Stone, alias Carly Norris, die in die nun freie Wohnung des Opfers einzieht, von einem ähnlichen Schicksal bedroht sein könnte.

Carly, gerade frisch geschieden und deshalb eigentlich näheren Beziehungen nicht sonderlich aufgeschlossen, findet sofort diverse Verehrer unter den Nachbarn. Dazu gehören Professor Gus Hale (Keene Curtis), Autor Jack Landsford (Tom Berenger) und Softwareentwickler Zeke Hawkins (William Baldwin), die allesamt auch unterschiedlich geartete Beziehungen zu Naomi pflegten. Hale liegt kurz darauf bereits tot in seiner Dusche – angeblich ausgerutscht. Carly stürzt sich in eine Affäre mit Zeke, der sich als Besitzer des Gebäudes (also ihr Vermieter) herausstellt. Doch damit nicht genug: Zeke hat das gesamte Haus mit versteckten Überwachungskameras ausgestattet, von denen er praktisch permanent und ausgiebig Gebrauch macht: Sein Leben besteht praktisch daraus, die Leben seiner Mieter zu verfolgen. Es gibt weitere Tote.

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Die Nachfolgerin am Tatort

Es hätte also mehr als genug Stoff dringesteckt. Schauplatz und Ausgangskostellation lassen sofort einige der Grundfragen menschlicher Existenz und insbesondere Identität in der modernen Welt aufkommen: In dem Hochhaus nicht erfassbarer Größe, in dem sich die Bewohner kaum jemals über den Weg laufen und sich sonst primär mit der Nummer ihres Apartments vorstellen, suchen sich die Menschen andere Ausdrücke der fürs Leben notwendigen Nähe. Dazu gehört, dass sich mehrere der Charaktere anscheinend bemühen, sich dadurch an eine Konstanz zu klammern, Dritte eins zu eins auszutauschen – wie eben Naomi gegen Carly oder auch Zekes ebenfalls sehr ähnliche Mutter. Auch das voyeuristische Zusehen und das Verlangen, selbst gesehen zu werden, wo Zeke freundlich interpretiert Carly reinzieht, gehört motivisch dazu.

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Schnell gerät sie ins Visier des Hausherren

Davon erforscht Sliver tatsächlich jedoch überhaupt nichts. Offensichtlich relevante Wendepunkte der Handlung, wie erst die Entdeckung der Zuschauern, dass Zeke an den Überwachungsbildschirmen sitzt, und später eben diese Enthüllung gegenüber Carly, verpuffen völlig, da ihnen dramaturgisch keinerlei Relevanz eingeräumt wird. Es ändert sich jeweils durch die neuen Erkenntnisse weder für die einzelnen Charaktere, noch für die Handlung an sich irgendetwas. Genau dies geschieht stattdessen an anderer Stelle völlig unmotiviert. Zuerst wird beispielsweise den Zuschauern eingehämmert, Carly könne Jack nicht leiden. Dann drängt der sich uneingeladen auf ihre Party und plötzlich hegt sie Sympathie für ihn? Wodurch hat sich das entwickelt? Hätte man ja vielleicht mal zeigen können. Und welche Relevanz hat es für den Fortgang der Handlung? Das weiß wohl nur Herr Eszterhas.

Man könnte wohl allgemein sagen: Es passiert kaum jemals etwas und wenn, dann liegt das jeweils komplett außerhalb der Einflussnahme der Charaktere. Sliver hat eine Handlung ohne Protagonisten im eigentlichen Sinne, denn niemand ist tatsächlich aktiv gestaltend dabei. Das allerdings nicht als absichtliches Stilmittel zu welchem Zweck auch immer, sondern es ist einfach ein Auswuchs unzureichender Erzählung.

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Bald trifft man sich zu gemeinsamen Leibesübungen

Man dachte wohl, dass ordentlich Gefummel zwischen Baldwin und Stone mehr von Interesse sein würde, als intelligente Themen. Doch egal wie gut die Beteiligten auch aussehen, auch hierbei zählt die Inszenierung – und Basic Instinct ist dies eben nicht. Ohne Sinn und Verstand werden Sexszenen eingestreut, die einerseits schon deshalb ihre Wirkung verfehlen, da ihnen keine handlungstechnische Relevanz gegeben wird, andererseits aber auch einfach inszenatorisch fade sind.

Es hätte ja nicht gleich das Niveau von Polanskis Der Mieter sein müssen. Aber Der Kuss vor dem Tode oder Das Fenster zum Hof hätten es ruhig sein dürfen. Wäre nicht ganz so viel schiefgegangen, wären das doch mal realistische Ziele gewesen.

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