Amer – Die dunkle Seite deiner Träume

Poster
Originaltitel:
Amer
Jahr:
2009
Eingetragen:
01.09.2013
IMDB-Wertung:
6,2/10
TMDB-Wertung:
6,6/10


Hannes schreibt:

So ästhetisch schöne Filme, wie sie in früheren Jahrzehnten gemacht wurden, wünschen wir uns doch alle wieder. In diese nostalgische Kerbe versuchte Amer zu schlagen. 2010 kam es zu immerhin einer Vorführung in deutschen Kinolanden im Rahmen eines alternativen Filmfests. Zwei Jahre später folgte die Ausstrahlung in einem öffentlich-rechtlichen Spartenkanal, d.h. wieder unter Ausschluss der allgemeinen Öffentlichkeit. Mittlerweile darf man sich als Angehöriger der kleinen, aber wahrscheinlich treuen Zielgruppe einer DVD-Veröffentlichung erfreuen, so dass man zumindest, wenn man denn will, drankommen kann an diesen in gewissen Kreisen hochgejubelten Film.

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Was ist nun dran an dem geflüsterten Hype? Empfangen wird man auf jeden Fall schonmal von treibenden Synthesizerklängen, wie sie im südeuropäischen Kino der 1970er Jahre vielfach zu hören waren. Wobei hier nicht nur der Stil imitiert wird: Amer ist komplett unterlegt von solche Originalfilmen entnommenen Stücken. Was soll man bloß davon halten? Ansonsten jedoch Entwarnung: Das Bildmaterial ist immerhin komplett neu. Wenn auch, das muss man eingestehen, hier ein deutlicher „Retro“-Charme mitschwingt.

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Das zeigt sich in den Kamerafahrten, die bevorzugt in schrägen Kameraperspektiven beginnen und enden, der Konzentration auf und Stilisierung durch Grundfarben, den extremen Nahaufnahmen, der Verwendung von Reflektionen usw. Auch die Ausstattung der Szenen und das Stiling der auftretenden Personen spielt entsprechend mit, ohne dabei bewusst kitschig zu wirken. Vielleicht der Clou des Ganzen: Es wird fast überhaupt nicht gesprochen, so dass man Bilder, Musik und Hintergrundgeräusche einfach auf sich wirken lassen kann.

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Nun sind schon einige Sätze geschrieben und es ist noch nicht ein einziges Wort über den Inhalt gefallen. Das hat jedoch seinen Grund, denn einen entsprechend niedrigen Stellenwert hat die Handlung wohl auch bei den Machern des Filmes gehabt. Gezeigt werden drei Episoden aus dem Leben Anas (Cassandra Forêt): Zuerst ein subjektiv-kindlicher Horrortrip in Folge des Todes ihres Großvaters (Bernard Marbaix), dann als Teenager (Charlotte Eugène Guibeaud) ein scheinbar harmloser Besuch mit der Mutter (Bianca Maria D'Amato) beim Dorffriseur, in dessen Umfeld es zu sexuellen Spannungen kommt, und schließlich Anas Rückkehr als Erwachsene (Marie Bos) in ihr nun leerstehendes Elternhaus, wo sie von einem (eventuell imaginären) rasiermesserschwingenden Killer verfolgt wird.

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Die Sache ist nur: So interessant die Filmästhetik der 70er Jahre aufgegriffen wird, so wenig wird sie eingesetzt, um wirklich bedeutsame Aussagen zu machen. Die erste Episode ist im Prinzip eine Hommage an Klassiker wie Die drei Gesichter der Furcht und die Ausgestaltung aus der kindlichen Perspektive gelingt recht gut. Die zweite Episode zeigt insofern Mut, die aufkeimende Sexualität der immer noch jungen Ana sehr bildlich zum Thema zu machen – wir befinden uns also plötzlich eher in den Gefilden David Hamiltons. Die abschließende Episode (mit erneuten Stilsprung, diesmal in Richtung Argento) soll dann wohl für die übergreifende Interpretation sorgen, jedoch steckt einfach zu wenig drin über die Tiefen der Hauptperson, als das dieser Bogenschlag wirklich spannend wäre.

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So kann man sich, statt dem Inhalt zu folgen, einfach berieseln lassen, muss aber auch dann feststellen, dass sich die Einstellungen doch recht gnadenlos wiederholen. Vom Wind gefährdete, kurze Röcke, sich abzeichnende Körperkonturen, herunterrollende Schweißperlen, kernige Blicke – all dies wird leider mangels Inhalt nicht zu bedeutungsvoll wiederkehrenden Motiven, sondern es zeugt vielmehr von ausgehenden Ideen. Sehr loben muss man dagegen das Casting: Die drei Ana-Darstellerinnen können locker als eine Person durchgehen und auch die Mutter passt optisch bestens – dass letztere den Nachnamen D'Amato trägt, ist ein zusätzlich willkommener Clou. Doch auch diese an sich positive Beobachtung passt sich schlüssig ins Gesamtbild ein: Auf Optik hat man bis ins letzte Detail wert gelegt.

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Alles in Allem ist Amer also einer dieser Filme, die sich als Trailer hervorragend machen. In derartigen 60 Sekunden kommt es genau auf die Dinge an, mit denen der Film sehr gut ausgestattet ist. Auch als fünfzehn- bis dreißigminütiger Kurzfilm hätte es sich noch gut gemacht. Doch einen Spielfilm zu produzieren, ist etwas anderes. Dafür reicht das Material nicht. Denn die richtig guten Filme, die in den 70er Jahren in diesem Kulturkreis produziert wurden, sind ja auch nicht diejenigen, bei denen man den Inhalt einfach vergessen hat.

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